Zoologisches

Zoologische Exkursionen

von

Ferdinand Friedlos

“O! nur der Mensch, der stolze Mensch, für etliche Augenblike in ein wenig Ansehen gekleidet, vergißt was er am gewissesten wissen kan, seiner zerbrechlichen Natur; und spielt, gleich einem erboßen Affen, so phantastische Streiche vor den Augen des Himmels, daß die Engel darüber weinen, die wenn sie unsre Milz hätten, sich alle sterblich lachen müßten.”
William Shakespeare >Maaß für Maaß< (Wielandsche Übersetzung)

 

Die Couchameise (Formicula lecti - Artolaganus 2014), eine aus Nordamerika eingeschleppte Kulturfolgerin, die sich in Wohnzimmern jeglicher Größe ansiedelt, um dort die auf der obligatorischen Couch lebenden menschlichen Individuen zu befallen, in deren Körperöffnungen sie Pilze züchtet, die dann als Futter für ihre Brut dienen. Das staatsbildende und -tragende Insekt, welches in der Regel komplexere Sozialformen ausbildet, als seine Wirtsmenschen, schwärmt dabei vor allem in nächtlichen Stunden aus, um Überreste von Kartoffelchips, Salzstängchen oder Schokolade einzusammeln, die es als Nährboden für die Pilzkulturen nutzt. Die Ameise schützt durch aggressives Verhalten ihre Wirte und das von ihnen bewohnte empfindliche Ökosystem auch vor störenden externen Elementen, wie etwa außenstehenden menschlichen Individuen oder Haustieren, durch deren Kontakt ihre Wirte eventuell angetrieben werden könnten, das geschützte Areal der Wohnung zu verlassen. Biologen konnten sogar feststellen, dass in vielen Wohnzimmern die Couchameisen inzwischen die Kontrolle über die Fernbedienung und damit auch über das Fernsehprogramm übernommen haben, immer mit der Absicht, das Essverhalten ihrer Wirtsmenschen im Sinne ihrer Pilzkulturen zu optimieren. Die deutschen Privatfernsehbetreiber haben folgerichtig die eingewanderten Insekten als stark marktbestimmenden Faktor erkannt und richten ihre Werbe- und Unterhaltungssendungen deutlich auf die Bedürfnisse der Couchameise aus.

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Der Schweizerländische Alpenschmock (Rosalia philosophis - Artolaganus 1998), im Volksmund auch als der Philosophenkäfer bekannt.  Dieses ursprünglich nur im Alpenraum beheimatete Schadinsekt breitete sich seit  den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der deutschen  Universitätslandschaft rasant aus, wo es seitdem oft an mehreren Universitäten  zugleich, wenn auch in wechselnder Morphologie beobachtet wurde. Experten  beruhigen jedoch die interessierte Öffentlichkeit: das Tier wird zwar durch sein  umtriebiges Verhalten als lästig empfunden, richtet jedoch in der Regel,  abgesehen von einigen Fraßspuren, keinen dauerhaften Schaden an.

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Die Niederdeutsche Küchenkröte (Bufo culinaria - Artolaganus 2013), eine Kulturfolgerin, die sich auf das Leben in Wasserkochern spezialisiert hat, in deren feuchten Kleinklima sie, geschützt durch ihre hitzebeständige Haut, den Tag verbringt. Wird sie durch zu häufigen Gebrauch des Wasserkochers durch seine Besitzer in Stress versetzt, sondert sie über ihre Haut ein giftiges Sekret ab, welches den Wasserkocherbesitzer langsam aber zuverlässig tötet. Die schleichende Vergiftung geht dabei in der Regel mit einer zunehmenden Verblödung der Opfer einher, die ihre letzten Wochen und Tage nur noch mit dem Konsum von RTL-Sendungen auszufüllen vermögen. Die Küchenkröte ist genügsam in ihrer Ernährung, lebt hauptsächlich von Küchenschaben, Tee- und Kaffeesatz, verschmäht aber auch gelegentlich eine Hauskatze oder einen Wellensittich nicht. Anders, als die sonstigen deutschen Amphibienarten, profitiert die Küchenkröte von der zunehmenden Ausbreitung der Spezies Mensch, weshalb man sich um die mittelfristige Zukunft dieses kleinen, unauffälligen Froschlurchs keine Sorgen machen muss. Diskussionen in Brüssel, die Art unter den besonderen Schutz des Gesetzes zu stellen, etwa indem man die Produktion von Wasserkochern dahingehend normiert, dass diese in Zukunft mit speziellen Ein- und Ausstiegshilfen für die Kröten versehen werden müssen, oder indem man die Benutzung von Wasserkochern, in denen sich der Laich der Kröte befindet, vorübergehend untersagt, verliefen daher bisher im Sande. Dennoch hat aber die EU die Einrichtung eines speziellen, ab sofort regelmäßig tagenden Gremiums, welches sich ausschließlich mit der Küchenkröte beschäftigen wird, beschlossen.

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Der Anglerhecht (Esox hamiota - Artolaganus 2013), ein ehemals seltener, sehr großer Raubfisch der mitteleuropäischen Süßgewässer, der sich darauf spezialisiert hat, Angler an den von ihnen ausgeworfenen Haken ins Wasser zu reißen, um sie dann in einem Stück zu verschlingen. Charakteristisch für den Anglerhecht ist eine nahezu unstillbare Gier, aber auch eine sehr langsame Verdauung. So konnten in einem Fall im Magen eines erlegten Tieres dieser Spezies die Überreste von drei Anglern gefunden werden, die sich offensichtlich die Zeit bis zu ihrem Ende mit einer längeren Skatpartie vertrieben hatten. Die wachsende Population des Anglerhechts zeichnet für die zunehmende Ausdünnung deutscher Anglervereine verantwortlich, was nicht selten zu deren endgültigen Auflösung führt. Biologen der Universität Zotenburg haben dies etwa in einer Studie am Beispiel des Anglervereins von Bad Salz-Schmöcklein dokumentiert, in der auch gezeigt wurde, dass die mehr und mehr verängstigten und dezimierten Angler in neue, weniger exponierte Biotope verdrängt werden. So setzen viele der verbliebenen  Petri-Jünger harmlose Blaukarpfen oder gar große Goldfische in ihre heimischen Badewannen, um diese von der sicheren Toilettenschüssel aus zu erangeln. Die Autoren der Studie vermuten, dass sich aufgrund dieses Rückzugs der Beutetiere des Anglerhechts die Bestände dieses imposanten Raubfisches langfristig auf einer niedrigeren Ebene wieder einpendeln werden, was dann kommenden Generationen von nachwachsenden Anglern auch wieder Überlebenschancen in der freien Wildbahn eröffnen wird. Handlungsbedarf, so die Autoren, bestehe daher aktuell keiner. Man müsse einfach dem freien Spiel der Naturkräfte seinen Lauf lassen.

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Der Blasenfisch (Salmo vesica - Artolaganus 2013), eine winzige Forelle, die ihr adultes Dasein in der menschlichen Blase verbringt. Die hellgelb schimmernde Spezies ernährt sich dort von den Überbleibseln der von ihrem Wirt aufgenommenen Nahrung. Der Wirt bemerkt die Existenz des kleinen Fisches zumeist nur während der Paarungszeit im April, in der der Fisch ein äußerst agiles Verhalten an den Tag legt. Der nach dem intensiven Paarungsspiel abgelegte Laich wird zusammen mit dem Urin ausgeschieden, so dass die Larven des Fisches die ersten drei Jahre ihres Lebens in den Toiletten und der angeschlossenen Kanalisation verbringen. Erst wenn sie ausgewachsen sind wandern die Tiere im menschlichen Urinstrahl, gegen die reißende Strömung geschickt ankämpfend, nach oben und nisten sich in einer neuen Blase ein. Der Blasenfisch gehört heute, durch die sich in der zivilisierten Welt zunehmend ausbreitende Verwendung von chemischen Toilettenreinigern, aber auch durch die Tatsache, dass der kleine Fisch in Frankreich als Delikatesse sehr geschätzt wird, zu den stark gefährdeten Arten.

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Hessischer Lemming (Lemmus  hassianis - Artolaganus 2012): Der Hessische Lemming, ein  dem Menschen äußerlich ähnliches Schadnagetier mit auffallend blondem und  lockigem Fell. Benagt vor allem kleine und mittelständische Firmen, deren  Inhaber und Mitarbeiter, sobald die Vorräte weggefressen sind, dem stets lustigen  Lemming in einem großen Umzug in den nächsten Abgrund folgen. Die Art  überwintert gemeinhin in einem dichten Lügengespinst, an welchem sie das ganze  Jahr über arbeitet, wobei sie sich immer mehr darin verheddert. Auffällig am  Verhalten dieses Lemmings ist außerdem, dass er - bei sonst vollkommen fehlendem  Schamgefühl - stets sehr darum besorgt ist, dass ihm niemand, wie er selber es  bei jeder Gelegenheit formuliert, "zu tief in den Popo schaut."  Verhaltensforscher rätseln über die Bedeutung dieser Eigenart, die sich um so  seltsamer ausnimmt, als das sonstige Seelenleben des Hessischen Lemmings nicht sehr  komplex ausgeprägt ist, bzw. schlicht nicht vorhanden ist. Man vermutet  daher, dass der Anus im Fortpflanzungsritus dieser Art eine wichtige, jedoch  erst noch zu klärende Rolle spielt. Die Art ist ursprünglich endemisch auf die Region Hessen beschränkt, wird jedoch in jüngster Zeit auch im fränkischen Raum häufiger beobachtet. Wildbiologen sehen dieses Ausgreifen der früher räumlich eng begrenzt vorkommenden Spezies mit großer Sorge, richtet sie doch dort, wo sie sich einmal festgesetzt hat in der Regel immensen ökonomischen Schaden an.
Siehe zur Vertiefung auch  Leif S. Windler / Honest B. Heppnersheimer: Zur Biologie des Hessischen Lemmings. Ein Schadnagetier in der Mitte Deutschlands. Übersetzung aus dem Englischen von Matthaeus Artolaganus. Zotenburg 2013.

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Der Güntersche Bartmolch (Triturus  vestitoris -Artolaganus 1998), ein vor  allem an weiterführenden Schulen weit verbreitetes, dort häufig - mangels  anderer Verwendungsfähigkeit - als Studienrat fungierendes Amphibium.  Gekennzeichnet durch die für Amphibien charakteristische schleimig-glitschige  Haut, die nur im Kopfbereich durch bartähnliche Hautauswüchse bedeckt wird,  wobei auch die hohe, weit nach hinten ausgreifende Stirn frei bleibt, wohl um  die Luftzufuhr über die stets sehr blasse Haut für das ohnehin nur mangelhaft  entwickelte Gehirn zu ermöglichen. Die biologische Funktion des Bartes ist noch  nicht ganz geklärt. Es scheint jedoch, dass in diesem Bart allerlei Flausen  leben, mit denen der Bartmolch eine lebenslange Symbiose eingeht, wobei die  Flausen vom Molch Blut saugen, der Molch hingegen mit Hilfe dieser Flausen Intelligenz simulieren kann. Die Art gilt - bedingt durch den chronischen Flausenbefall - als blutarm und wenig  lebenstüchtig und muss daher aus öffentlichen Haushalten lebenslang alimentiert  werden. Sie kann jedoch verbal recht aggressiv reagieren, wenn sie sich bei  gleichzeitig sehr niedrig angelegter Reizschwelle angegriffen fühlt (arttypische Ansätze zu  Paranoia). Häufig ist dann auch intensives Intrigieren zu beobachten. Der  Bartmolch vermehrt sich, ob seiner verkümmerten Sexualorgane, gezwungenermaßen  geschlechtslos (ähnlich wie der Wasserfloh) und unterhält Beziehungen intimerer Art ausschließlich zu seinen  gleichgeschlechtlichen Schülern, wobei diese Beziehungen dann - wie die im Übrigen dem  Lustmolch (Triturus libitus - Mandeville 1732) eng verwandte Spezies stets betont - "rein platonisch" sind. Folglich  nehmen Evolutionsbiologen auch an, dass die Art ursprünglich dem feucht-schwülen Klima aus  Platons Höhlengleichnis entsprungen ist. Für diese These spricht, daß der Molch, wenn er versucht sich zu artikulieren, häufig die Namen von großen Philosophen ausstößt - “Wittgenstein” etwa oder auch “Fichte”; im Frühjahr gerne auch “Aristoteles”. Scharf grenzt sich daher der philosophisch geadelte Güntersche Bartmolch durch sein wichtiges Mienenspiel vom gewöhnlichen Teichmolch (Triturus vulgaris - Linnaeus 1758) ab, dem er außerdem seinen Beamtenstatus voraus hat.

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