Lutz Hoppeler

Leben und Meinungen von Lutz HoppelerLutz Hoppeler - Management-Genie

                                von

                                   Ferdinand Friedlos

G. r

  

 "Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht.”
      
   William Shakespeare, >Cymbeline<

 

Kapitel 1: Geburt und  Jugend - frühe Prägungen
 Der Welt widerfuhr es in einem kleinen, zwischen Ödnis und Idylle schwebenden Örtchen namens Niddergang, dass ihr eines der größten Managementgenies aller Zeiten geboren wurde. Doch war an jenem gewitterverhangenen Abend niemandem in der Welt - und somit auch niemandem in Niddergang - die schicksalshafte Bedeutung dieses Augenblicks bewußt. Vielmehr bewegte die Geburt des kleinen Lutz seinen Vater, den Kleinbauern und Ziegenzüchter Hoppeler, zu einer längeren  philosophischen Mahnrede über die Vorzüge von Kondomen, die er an die  versammelte ländliche Gemeinde von Niddergang und im Besonderen an die  anwesende Dorfjugend richtete. So verbarg denn der alte Hoppeler sein Bedauern über das In-das-Sein-Treten seines Sohnes kaum, fühlte er sich doch durch dieses Ereignis erneut von eben diesem Sein empfindlich getreten.

Lutz wuchs trotz dieser Betretenheit seines Vaters rasch heran, auch wenn das Wachstum seines Verstandes unter seinen blonden Locken seinem körperlichen, ziegenmilchgenährten Wachstum nicht so recht zu folgen vermochte. Doch nach einigen Jahren geschah es, dass er, nachdem er ja nun schon in das allgemeine Sein der Welt und des Dörfchens Niddergang eingetreten war, unweigerlich sein eigenes, ganz individuelles Sein, eben sein So-Sein betrat (Der Autor bittet bei dieser Gelegenheit die vielen “Seins” in diesem Text zu entschuldigen, aber er hat gestern Abend Fisch gegessen, der von seinem belesenen Fischhändler zuvor in einer herausgerissenen Seite von Heideggers “Sein und Zeit” eingewickelt worden war). Lutz Charakter, oder das, was in seiner geistigen Anatomie als Lückenbüsser für eben diesen Charakter fungieren sollte, wurde geboren, als der Knabe an einem drückend schwülen Sommernachmittag vom Ackerrand aus seinen schweißbedeckten Vater Korn dreschen sah. Im kleinen Lutz reifte spontan der Entschluss heran, niemals zu arbeiten, da der  Geruch von Schweiß sein urplötzlich hoch ausgebildetes ästhetisches Empfinden verletzt: ”Ich schwöre, niemals werde ich - wie mein Vater - Korn dreschen, sondern  nur mit ehrlicher Hingabe Phrasen! Davon dann freilich reichlich.”


Die Schule, in die er nach diesem Sommer, nachdem er ja schon das Sein der Welt und sein eigenes Dasein betreten hatte, eintreten musste, erlebte der  kleine Lutz als einziges Trauma. Seine Lehrer - verständnislose, unflexible  Bürokraten und “Vollpfosten” - scheiterten mit allen pädagogischen Versuchen,  zwischen seinen Ohren intelligentes Leben zu entdecken, so als hätten sie  gleichsam nach dem versunkenen Atlantis geforscht. Doch ein einziger Abend  ändert alles: In einer Schulaufführung brilliert der kleine Lutz als  blondgelocktes, schellenkappenbehütetes Kasperle und macht so dem ganzen Dorf endlich deutlich: Lutz  ist etwas ganz Besonderes! Man weiß zwar noch nicht was genau, aber immerhin: ein  Anfang ist gemacht.

Eine Biographie eines so großen Mannes wäre, hundert Jahre nach Sigmund Freud, nicht vollständig, wenn man nicht auch kurz seine Pubertät streifen würde. Hier ist jedoch nur zu sagen, dass Lutz glücklich von Kastrationsangst und Ödipuskomplex, so wie später auch von jeder Last der Arbeit und der Komplexität dieser Welt insgesamt, verschont blieb. Erste sexuelle Erfahrungen sammelt er im Ziegenstall seines Vaters. Besonders die  Leitziege Amelia hat es ihm mit ihrer, selbst für Ziegen auffälligen  Grenzdebilität und ihrem dominanten Wesen angetan. Nie wird er ihr  flauschiges, blondes Angorafell vergessen und diesen unauslöschlichen  Eindruck wird er später in jeder Begegnung mit einer Frau -  pardon: mit  einem weiblichen Wesen wieder zu erwecken suchen.

 

Kapitel 2: Der Beginn der  Karriere
Lutz, der bisher lediglich  dadurch zum Erwerb seiner Familie beitrug, in dem er in der Küche am  Kachelofen herumlungerte und dort die Hofkatze wegekelte, die somit  gezwungen war, in der Scheuer Mäuse zu fangen, wird nun doch angehalten,  sich einen Beruf zu erwählen. Der charakterstarke Lutz pocht jedoch auf  seinem kindlichen Schwur, niemals arbeiten zu wollen. In einem eingehenden  Gespräch zwischen Männern klärt sein sensibler Vater, der den Jungen endlich  los haben möchte, ihn jedoch darüber auf, dass es zu den Vorzügen einer  freien Marktwirtschaft gehöre - Lutz Vater ist Mitglied der örtlichen FDP -,  dass man in ihr nicht unbedingt wirklich arbeiten müsse, um seinen Lebensunterhalt  zu verdienen. So zieht Lutz hoffnungsfroh in die Welt, mit dem Ziel in einem  Tourismuszentrum am bekanntlich oft schneebedeckten Strand von Mexiko Skilehrer zu werden, landet  dann aber als Hilfsverkäufer in einer Herrenboutique in Gütersloh. “Immer  noch besser als Wuppertal,” denkt Lutz und fügt sich seinem Schicksal.  Vorerst!
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,
 

Kapitel 3: Folgenschwere Ereignisse
Die Herrenboutique in Gütersloh erweist sich schnell als zu engräumiges  Umfeld für die weitfliegenden Pläne des jungen Lutz. Er weiß zwar stets  besser, was die Kunden eigentlich wünschen als diese selber (“Ich stellen Ihnen nur Optionen vor Augen!”), doch die  engstirnigen Provinzbürger sind, was ihre Kaufentscheidungen angeht,  schlicht unbelehrbar. Die Lage eskaliert, als Lutz einem Mitglied des  Stadtrats, welches sich für eine öffentliche Feierlichkeit neu einkleiden  möchte, eine kleinkarierte Golfhose aufzuschwatzen versucht. Der Kunde lehnt  die fragliche Hose barsch ab. Als aber Lutz ihn in eine der Umkleidekabinen  drängt und dort anfängt, dem Kunden die Wäsche vom Leib zu reißen, um ihm  doch die Golfhose überzuziehen, missversteht der Kunde das Anliegen des  eifrigen Verkäufers und fürchtet um die bisher gewahrte Unversehrtheit  seiner hinteren Einrichtungen, wo er zuvor höchstens bei der jährlichen  Prostatauntersuchung Besuch empfangen hatte. Es kommt zu einer tumultartigen  Szene, der Lutz sich schließlich durch eine übereilte Flucht entzieht. Die  kleinkarierte Golfhose in den Händen, rennt er durch die Fußgängerzone der  Stadt Gütersloh zum Bahnhof, wo er sich in den nächstbesten Zug rettet.  Außer Atem sinkt er im ersten offenen Abteil auf die Sitze und versucht,  seine Gedanken zu ordnen, ein Unternehmen, welches ihm nie große Mühe  bereitet hat, denn gemeinhin war da nicht viel zu ordnen - mangels Masse.  Erst jetzt bemerkt Lutz, dass ihm eine Person im Abteil gegenübersitzt, ein  elegant gekleideter Herr mittleren Alters, der den heftig schnaufenden Lutz  fragend anblickt. “Hätte beinahe den Zug verpasst,” erklärt Lutz mehr  schlagartig als schlagfertig seinen Zustand und als die Augen des Gegenübers  auf die Hose in Lutz` Händen sinken, ergänzt Lutz “Ich bin in der  Textilbranche tätig.” Nun tut sich ein Lächeln in der Miene des bisher  stummen Herrn auf: “Darf ich mich vorstellen! Nachseher, mein Name. Ich bin  Geschäftsführer des Modekonzerns Bettina Barceld.” Es entspannt sich wie  von selbst ein Gespräch zwischen den beiden Branchen- und Menschenkennern  und als Lutz auf die Frage, ob er denn etwas von “Flächenbewirtschaftung” verstehe, antworten kann, seine Familie - das Bild des korndreschenden  Vaters schießt Lutz durch den Kopf - habe ja nie etwas anderes gemacht, als “Flächenbewirtschaftung”, ja, sie habe dieselbe quasi erfunden, wird Lutz  umgehend als Projektverantwortlicher für die Flächenbewirtschaftung eingestellt. Als beide Herren am Zielort aus dem Zug steigen, denkt Lutz nur  mit einem gewinnenden Lächeln auf den Lippen: “Ich finde schon noch heraus,  was der Typ mit "Flächenbewirtschaftung" meint, und wenn es ein Vermögen  kostet!”

So beginnt also das Heil  des Lutz Hoppelers und das Unheil der Firma Bettina
Barceld.

 

Kapitel 4: Die Firma
Zwei Wochen später: der erste Arbeitstag bei Bettina Barceld.
Lutz hatte sich zwar fest vorgenommen, in diesen zwei Wochen im Internet zu  recherchieren, was man in der Textilbranche unter dem Begriff  "Flächenbewirtschaftung" versteht, aber die Pornoseiten, auf die er  unweigerlich immer wieder stieß, beanspruchten dann doch den größten Teil  seiner Aufmerksamkeit und seines geistigen Potenzials. Mit anderen Worten:  er hatte alle Hände voll zu tun, so dass seine Karriere jetzt und hier  hinter den Anforderungen des Augenblicks zurückzustehen hatte. Immerhin  hatte er auf der Webseite eines großen Frankfurter Bordells den dort  angebotenen Persönlichkeitstest - Titel: "Was für ein Typ bist Du im Bett?"  - absolviert, um zu erfahren, dass er auch im Bett dem Typus des  erfolgreichen Managers entspricht. Der Grund: Er hatte die Frage, ob er die  Arbeit beim Liebesakt lieber dem Partner überlasse, mit einem unbedingten "JA" beantwortet.  Dieses Ergebnis erfüllte ihn mit großer Hoffnung.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

So kommt Lutz reichlich unpräpariert in sein neues  Betätigungsfeld. Als er jedoch mit seinem Vorgesetzten Nachseher die Runde  macht und allen Kollegen vorgestellt wird, tritt zum ersten Mal eine für  Lutz`s weiteren Lebensweg wertvolle Eigenschaft, nicht seines Geistes,  sondern seiner Mimik zu Tage: Lutz hat von Geburt an und ohne dass er diese  erst künstlich aufsetzen müsste, eine wichtige Miene! Schon als er zwischen  den Schenkeln seiner Mutter hervorschlüpfte, hatte er diese Miene im Gesicht, so dass er  damals auch die Hebamme derart einschüchterte, dass sie sich nicht traute,  ihm den obligatorischen Klaps auf den Po zu verabreichen, nach welchem die  Neugeborenen ja gemeinhin erst zu atmen beginnen. So kam es, dass seinem  ersten Schritt in die Welt erst drei Minuten später der erste Atemzug  folgte, weshalb der bereits blau angelaufene Lutz auch leichte  Gehirnschädigungen davontrug. Diese führten später jedoch zu einer  regelrechten Zementierung der für Lutz strategisch so bedeutsamen wichtigen  Miene, da er durch diese organisch bedingte intellektuelle Minderbegabung schlicht nicht in  der Lage war, zu erkennen, dass es außerhalb seiner Person noch andere  wichtige Dinge und Menschen gibt.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Sei es, wie es will, die neuen Kollegen sind zunächst, wie  weiland die Hebamme, eingeschüchtert, ja, zum Teil sogar beeindruckt und  begehen somit den Fehler, den später noch so viele begehen sollten, nämlich  den, den Mann mit den Goldlocken und der wichtigen Miene für ebenso wichtig  wie die letztere zu nehmen, statt die unter den Goldlocken seit der  historischen Schulaufführung verborgene Schellenkappe zu entdecken. Lutz  meistert so auch das erste Projektmeeting zum Thema  "Flächenbewirtschaftung." Er begreift immer noch nicht so genau, worum es da  gehen soll, aber soviel bekommt er mit: Textilfetzen wandern von Bettina Barceld zu irgendwelchen Geschäften und dort werden diese dann von  irgendwelchen Kunden gekauft, was - und das ist das entscheidende -  letztlich dazu führt, dass er, Lutz, Geld bekommt. Lutz hat somit alles für  ihn bedeutsame aufgeschnappt und vermeidet es wie immer, sein, wie wir ja  erfahren durften, angeknackstes und daher nur bedingt belastbares Gehirn mit  allzu vielen Details zu beschweren. Außer den (ziegen-) langen Beinen seiner  zukünftigen Assistentin bleibt aus der ersten Sitzung nur hängen, dass der  EDV-Leiter immerzu etwas von einem Typ namens "EDI" faselt, der für das  Flächenbewirtschaftungsprojekt von immenser Bedeutung sei. Lutz beruhigt  sich jedoch mit der stillen Vermutung, dass es sich bei "EDI" um irgendeinen  Mitarbeiter der EDV-Abteilung handeln wird, also einen jener "Vollpfosten" (Originalton  Lutz Hoppeler), denen man keine weitere Beachtung schenken muss.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Was dann folgt, soll auch uns nicht allzu sehr im Detail  interessieren - die intensive Beschäftigung mit Lutz färbt eben ab, so weit  sei der Leser dieser Zeilen gewarnt... Lutz geht in die Firmengeschichte von  Bettina Barceld ein, als der Manager, mit den höchsten erreichten Werten  aller Zeiten - nämlich in den Abweichungsanalysen! Er bringt es fertig, das  für seine Abteilung vorgesehene Kostenbudget um 200% zu überschreiten, die  geplanten Umsätze jedoch um 90% zu unterschreiten. Als dies in der  Jahressitzung zur Sprache gebracht wird, verliert sich für einige Momente  die nun schon legendäre wichtige Miene. An ihre Stelle treten vorübergehende heftige  Augenbewegungen, wie man sie ganz ähnlich bei einem Reh im finsteren Wald  beobachten kann, welches die Zweige unter dem Tritt des herannahenden Wolfes  brechen hört. Lutz stammelt zu seiner Entschuldigung, dass er da wohl etwas  durcheinander gebracht habe. Er hätte gedacht, die Zahlen in der Abweichungsanalyse  müssten sich so verhalten, die Kollegen hätten ihm dies falsch erklärt und hätten lediglich von möglichen “Optionen” gesprochen  und außerdem sei er ständig abgelenkt worden, weil er mit dem  Automatikgetriebe in seinem Dienstwagen überfordert gewesen sei. Nähere  Erläuterungen des anwesenden Controllers ergeben, dass die außerplanmäßige,  durch Lutz veranlasste Anschaffung dieser Dienstlimousine alleine für 5%  der Budgetüberschreitung verantwortlich ist. Schließlich ist Lutz auch für  seinen Mentor Nachseher, der nunmehr eben das selbe hat, nicht mehr zu  halten. Es erfolgt die umgehende Kündigung und Lutz steht fünf Minuten  später mit einem Karton und seiner kleinkarierten Golfhose, die ihm  seinerzeit die Türen zu Bettina Barceld geöffnet hatte, vor eben diesen  Türen, die sich laut hinter ihm verschließen. Somit ist Lutz um einige  Erfahrungen reicher, Bettina Barceld hingegen um 12 Millionen ärmer.
 

Kapitel 5: Weiter auf dem Weg
Das, was man bei anderen Menschen als „Seelenleben“ zu bezeichnen pflegt, war bei Lutz (der Leser wird es schon erahnt haben, aber dennoch sei es ihm vom allwissenden Erzähler erneut aufs Brot geschmiert, denn die Zeilen wollen gefüllt sein, will der Erzähler das seine, gemeint ist das Brot, sich verdienen) zwar nicht inexistent, hatte aber wohl die Konstitution eines massiven Sandsteins (Granitstein würde eine hier nicht vorhandene physikalische Schwere suggerieren), ohne jene Hohlräume, in denen bei uns normalen Menschen solche Untermieter wie etwa der Selbstzweifel oder die Selbstreflexion sich einzunisten verstehen.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Dennoch war es für einige Wochen um Lutz nicht so arglos bestellt wie sonst und auch die permanente Inanspruchnahme der Pornoseiten des bekanntlich schlüpfrig gewobenen Internets konnte hier nur Linderung, aber keine wirkliche (Selbst-)Hilfe bringen. Fast könnte man sagen, Lutz ging für eine kurze Weile in sich, ohne sich dort anzutreffen. Oder vielmehr: Lutz traf bei diesem Innengang nach wenigen Schritten auf eine festgefügte und dreifach von innen verriegelte Eichenholztür. Sich selber gegenüber suggerierte er, er hätte an dieser Tür ein Schild vorgefunden, laut welchem er gerade in Mexiko weile (oder war es wieder nur Gütersloh?), aber der Erzähler weiß es besser (dafür wird er ja bezahlt) und schildert die Sache so, dass Lutz die Tür zwar verschlossen vorgefunden hatte und dass er auch schon die zarten Fingerknöchelchen zum Türklopfen gebogen hatte, um Einlass in sein Selbst zu erlangen, dass er aber in diesem Moment hinter der Tür einen Singsang vernahm, in welchem er das „Tri tra tralala“ aus seiner Schulzeit und damit sich selber als kleines Kasperle wieder erkannte. Lutz Verstand war wohl nicht geschaffen, um seinem Besitzer Erkenntnisse über sich selbst und die Welt zu vermitteln, sondern wohl eher, um diesen Besitzer vor solchen Einsichten zu bewahren, so dass Lutz alarmiert den Innengang sofort abbrach und wieder in die Welt der Äußerlichkeiten, also in seine eigentliche Welt zurückkehrte.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Dort angekommen musste er sich in jenen notwendigen Erholungspausen zwischen den Besuchen der Pornoseiten, mit solch profanen Dingen wie seinem zukünftigen beruflichen Weg auseinandersetzen. Zunächst denkt er an eine Rückkehr nach Niddergang, wo mittlerweile die Stelle des Leiters der örtlichen Schweinezuchtanstalt vakant geworden war, wie er einem Brief seines besorgten Vaters entnehmen konnte. Aber Lutz erfährt aus dem Brief auch, dass der bisherige Inhaber dieses Postens, ein gewisser Herr Eberle, sich in seinem Beruf völlig verausgabt hatte und außerdem muss Lutz auch lesen, dass Amelia, die Leitziege, inzwischen das zeitliche gesegnet hat. Niddergang steht vor seinem inneren Auge (welches, der Leser hat es schon erkannt, stark kurzsichtig ist) jetzt nur noch als ein Ort voller Schweine und ohne Amelia will er an einem solchen Ort nicht leben. Doch, wie der Zufall und das Internet so spielt, taucht beim erneuten Besuch einer Pornoseite (dank der Cookies, welche Lutz niemals löscht, weil er nicht weiß, wie das geht, beziehungsweise, weil er überhaupt nicht weiß, was das ist) eine Anzeige des Lebensberaters Kasimir Katzsack, Autor des bekannten Buches „Dein Leben. Eine Gebrauchsanweisung“ auf, die Lutz sofort persönlich anspricht, weil er eben beim ersten Besuch der Pornoseite seinen Klarnamen eingegeben hatte und die Seite ihn daher wiedererkannte (er selber war, wie wir weiter oben gesehen hatten, beziehungsweise wie es uns der Erzähler ja langatmig erklärt hatte, nicht in der Lage, sich wiederzuerkennen). Lutz wählt sofort die Nummer von Katzsack und erfährt, dass dieser zwar ein vielbeschäftigter und viel gefragter Mann sei, dass aber zufällig ( sicherlich ein Rainer Zufall, mit dem sich Lutz seit seiner Schulzeit gut verstand, da er ihn einmal gegen seinen älteren Bruder, Kain Zufall, in Schutz genommen hatte) ein Termin kurzfristig frei geworden sei. Lutz sagt sofort zu und macht sich eilig und euphorisch auf den Weg in die Praxis des renommierten Lebensberaters.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Katzsack, ein Menschenkenner par excellence, erfasst die Situation, in der Lutz sich befindet, sofort mit absoluter Transparenz. Er klärt Lutz darüber auf, dass es sich um eine Schwebesituation handle, die deswegen so bedrohlich sei, da ein solches unbedarftes Leichtgewicht wie unser Lutz schon durch leichte Winde davon geweht werden könne. Nur der Kauf seines, Katzsacks, achthundert (in Zahlen: 800) Seiten dicken und acht Kilogramm (in Zahlen: 8 kg) schweren Bestsellers könne ihm, Lutz, wieder die notwendige Bodenhaftung verschaffen, gewissermaßen als schützender Ballast. Lutz kratzt die letzten Reste seiner Abfindung von Bettina Barceld, dem deutschen Arbeits- und Vertragsrecht dankend, zusammen und kauft das Buch, nicht ohne aber sich auch gleich eine kurze, auf das wesentliche beschränkte Zusammenfassung durch den Autor zu erbitten, denn, der Leser wird es wieder ahnen (der Erzähler würde den Leser ja gerne mit überraschenden Einsichten über Lutz dienen, aber das Subjekt, oder vielmehr: Objekt dieser Erzählung ist einfach zu platt, um hier Überraschendes zu ver- und anschließend zu entbergen): Lutz hat es nicht so mit den Büchern. Lutz wird daher nun von Katzsack in die Geheimnisse des Lebens eingeweiht:

Die Geheimnisse des Lebens nach Kasimir Katzsack

1.Die Welt gibt die Begriffe vor. Bete diese Begriffe wie ein Mantra nach, und die Welt wird dich anbeten.

2.Die Welt will betrogen sein, und solange du nichts anderes willst, als die Welt zu betrügen, will dich die Welt.

 

Lutz ist beeindruckt – nicht von der Klarheit und Einfachheit des Ausdrucks, von solchen eher technisch-fachlichen Aspekten der Intelligenz, oder zumindest der Rhetorik, versteht er nichts . Vielmehr spricht hier einer aus, was Lutz immer schon in sich trug, was er aber nur nicht deutlich erkennen – hier sind wir wieder bei Lutz‘ Problem mit dem inneren Auge – und daher auch nicht deutlich aussprechen konnte. Er ist durch diesen Geistesblitz, der den Sandstein seines Innenlebens gespalten hat, um so Fähigkeiten aufzuschließen, von deren Existenz Lutz selber bisher nicht wusste, wie erleuchtet: Lutz wird in sich selber verwandelt, in jenes Selbst, welches seinerzeit bequem am Ackerrand sitzend, dem Vater bei der Arbeit zusah.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Nun geht alles ganz schnell: Lutz führt eine Marktanalyse durch, indem er im Nachmittagsprogramm des Privatfernsehens, welches er seit seiner Kindheit nie verpasst, einer Sendung angespannt folgt, in der ein Unternehmensberater auftritt. Der feine, dunkle Business-Anzug des Mannes und seine beeindruckend designte Visitenkarte lassen in ihm den Entschluss reifen, es als Unternehmensberater zu versuchen. Ein Anruf bei Katzsack rundet die Sache ab, da der Lebensberater Lutz mit Verweis auf dessen umfassende praktische Wirtschaftserfahrung, die alle theoretischen Defizite auf diesem Gebiet mehr als wett mache, in seinem Entschluss bestärkt. Außerdem berichtet Katzsack, der Freund klarer Worte und voller Brieftaschen, beiläufig, dass sich in Deutschland ohnehin jeder Schmock „Unternehmensberater“ nennen dürfe und konsequenterweise seien daher auch neunzig Prozent aller Unternehmensberater Schmocks (Zur tieferen sozioökonomischen Einordnung des Phänomens >Berater / Consultant< in das Gesamtbild des Spätkapitalismus empfehlen wir eine eingehende Lektüre des Werkes “Was tun? Der Berater-Kapitalismus als höchstes und letztes Stadium des Kapitalismus”, geschrieben von dem bekannten Philosophen Professor Dr. Leo Flappsiger). „Da fällst Du“ – Katzsack duzt seinen Eleven inzwischen - „weiter gar nicht auf.“ Auch eine Marketingstrategie ist schnell gefunden. Katzsack macht geltend, dass auch der Business-Mann von heute sein Geschäft verrichten muss und vermittelt Lutz daher einen Kontakt zum Bundesverband Deutscher Toilettenfrauen e.V., der sich bereit erklärt, gegen einen kleinen Obolus in allen öffentlichen Toiletten Deutschlands die erst noch zu designende Visitenkarte Lutz` auszulegen. Vier Monate später ist die Karte entworfen und sogar auch schon gedruckt (Lutz schwankte lange zwischen genereller, gezierter Kleinschreibung oder der ausschließlichen Verwendung von Großbuchstaben, entscheidet sich dann endlich – „THINK BIG!“ hatte Katzsack gerufen – für letztere Lösung) und drei Tage später liegt sie in allen öffentlichen Toiletten gleich neben dem Teller mit den Cent-Münzen aus.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Ab diesem Moment steht das Telefon von Lutz nicht mehr still, wobei er sich freilich zunächst gezwungen sieht, ein Missverständnis mit den Gesprächspartnern aufzuklären. Da die Karte in Lutz Tätigkeitsbeschreibung auch die Worte „offen für alles“ enthält und da die Karte des Weiteren ausschließlich auf Herrentoiletten ausliegt, rufen nur einsame Männer an, die sich einen netten Abend und anschließend eine noch nettere Nacht machen wollen. Lutz lehnt dieses Ansinnen mit schwindender Entschlossenheit, die mit seinen schwindenden finanziellen Mitteln korrespondiert, ab, bis dann endlich der erste Kunde, der kein Freier ist, anruft. Ein Termin wird ausgemacht und zwei Tage später stehen sich Lutz und sein erster Kunde gegenüber.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Der Kunde, sein Name ist Dritter, schildert Lutz kurz seine Problemlage, wobei sich Lutz die Geschichte mit seiner nimmermehr weichenden wichtigen Miene anhört, die ihre Wirkung auf Dritter nicht verfehlt. Dritter hatte einen kleinen Textilhändler in Ebernsbrück aufgekauft, den er ursprünglich mit Gewinn wiederverkaufen wollte. Doch die Firma entpuppte sich mehr und mehr als eine nur notdürftig zusammengeschraubte Gelddruckmaschine, deren Zahnräder nach und nach ihre Zähne eingebüßt hatten und der außerdem allmählich die Druckertinte auszugehen drohte. Sie war von sich weihevoll und -männisch gebenden Ganoven gegründet und von nicht minder – oder eigentlich sollte man sagen: nicht stärker – begabten, nimmersatten und nimmervollen, sich schamlos bereichelnden Galgenstricken fortgeführt worden, kurz: Der Wagen war nur noch wenige hundert Meter von der Wand entfernt, an welchen er gefahren werden sollte. „Da wird Ihnen geholfen!“ versichert die wichtige Miene und übernimmt den ersten Auftrag, denn man firmiert ja immer noch als Kenner der Textilbranche, ist also vom Fache.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Lutz reist umgehend nach Ebernsbrück und sieht sich die Sache aus der Nähe an. Er sitzt viel in den verschiedenen Büros der Firma herum, hält die Mitarbeiter mit wichtigen Fragen und – wie überraschend: - wichtigen Mienen von der Arbeit ab und dreht Däumchen, dass einen vom Zusehen schwindelig wird. Nach acht teuren Wochen will Dritter Ergebnisse sehen, so dass Lutz nun eine Analyse oder irgend etwas, was danach aussieht, vorzeigen muss. Nach jedem Strohhalm greifend, blättert er in der Nacht vor der anberaumten Präsentation im Buche seines Mentors Katzsack und trifft auf dessen Ermahnung, die Begriffe, die in der Welt kursieren, aufzugreifen und auf die Welt zurückzuschleudern. Nun fällt es Lutz wie Schuppen von den Augen, was ihn nebenbei daran erinnert, dass das bewährte Anti-Schuppen-Shampoo zur Neige geht: Er erinnert sich an ein Gespräch mit dem IT-Chef der Firma, einem gewissen Sigismund Schnaub, der ihm die Firma als einen Hühnerhof beschrieb, über den dreimal täglich der Bauer läuft, woraufhin sich die Hühner aufgeregt in alle Ecken und Winkel des Hofes verstreuen. „Ich verstehe, was Sie meinen,“ hatte Lutz damals geantwortet, was nur zum Teil wahr war, da Lutz generell die Bedeutung von sprachlichen Bildern und Metaphern nicht verstand, war doch sein Verhältnis zur Sprache etwa das eines Papageis, der auf einer Stange sitzend, aufgeschnappte Worte nachplappert, weil er immerhin gelernt hat, dass er sich so Erdnüsse und Aufmerksamkeit erbetteln kann. Aber natürlich wusste der auf dem Lande aufgewachsene Lutz, wie ein Hühnerhof zu durchqueren ist, wie man die Hühner effizient und effektiv in Aufregung und wilde Bewegung versetzt, und insofern hatte Lutz den IT-Leiter tatsächlich verstanden. Da Schnaub in dem Gespräch, in die geistleeren Augen Lutz` blickend, erahnte, dass dieser ihn nur zur Hälfte verstanden hatte, erläuterte er seine Aussagen noch, indem er Lutz darauf hinwies, dass es in der Firma versäumt worden war, feste Strukturen zu schaffen, und dass außerdem nicht genügend definiert – er übersetzte für Lutz dieses Wort zur Sicherheit noch mit „festgelegt“ – werde, wie was zu tun ist.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Dieses damals, wie alles was Lutz tat, tut oder tun wird, nur beiläufig geführte und nun in die Erinnerung zurückgerufene Gespräch diente Lutz jetzt als Munitionsarsenal. Dritter wird in der Präsentation am nächsten Morgen in einem Wortschwall beinahe ertränkt, und kann, während er kurz zwischen den Wogen nach Luft und konkretem Inhalt schnappt nur so viel behalten, dass in der Firma Dinge definiert und Strukturen geschaffen werden müssen.  Als Lutz ihm dann noch abschließend eröffnet, dass die Firma in ihrem jetzigen Zustand einen Hühnerhof darstelle und dass er, Lutz, auf einem Hühner- oder zumindest Bauernhof groß geworden sei, stellt er für Dritter die Lösung aller Probleme, nämlich sich selber, in den Raum: Lutz wird zum neuen Geschäftsführer der Firma ernannt und ist somit am Ziel seiner Wünsche.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,


Kapital 6: Die Erfüllung
Alles hat ein Ende, doch haben Unternehmen mitunter ein sehr langes Ende, zumindest wenn sich immer wieder neues Kapital, beziehungsweise neue Kapitalisten finden, die in ihrer Großherzigkeit und ihrer sich selbst hintan stellenden Interesselosigkeit einem zu Ende gehenden Unternehmen unter die Arme greifen. Unter den Armen von Unternehmen sieht es oft so aus, wie unter den Armen von so manchem Menschen. Es ist feucht und muffig, aber das stößt keinen Kapitalbesitzer, keinen Freund aller Menschen und aller Unternehmen, ab, zumindest nicht dann, wenn er etwas auf sich und überschüssiges, arbeitsloses Kapital auf dem Konto hält.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Somit würde sich auch der Rest unserer Geschichte in grausame Länge ziehen, was der Erzähler (schließlich handelt es sich bei ihm nicht um Günter Grass) seinen Lesern jedoch nicht zumuten möchte, da er ja das Wohl seiner Leser, wie auch seine Brille, immer vor Augen hat. Es sei daher im weiteren Bericht wieder zu einem etwas summarischeren Stil zurückgekehrt, zumal der Stoff, aus dem diese Zeilen sind, ohnehin zur Neige geht. Der Erzähler möchte übrigens seinen Lesern noch anraten, ebenfalls einmal in ihrem Leben zur Neige zu gehen, denn die Neige ist ein schön gelegener Fluss in Franken und Hessen, an dessen Ufern sich wunderbar Urlaub machen lässt. Die Neige speist sich aus der bei Niddergang entspringenden Bitteren Neige und der in Frankfurt a.M. gelegenen Quelle der Süßen Neige, die sich beide in der Nähe des idyllischen Städtchens Hanau zur Großen Neige vereinigen. Aus juristischen Gründen muss der Erzähler hier noch kurz darauf hinweisen, dass er auf der Gehaltsliste des Neige-Fremdenverkehrsverbands steht, was aber auf seine Wertschätzung dieser wundervollen Region keinerlei Einfluss hat. Diese Landschaft ist unter Fachleuten im Übrigen als Heimat des hier endemischen Hessischen Lemmings bekannt, ein possierliches Nagetier, welches wir, um das Bild der Neige-Region noch abzurunden, hier durch einen Auszug aus einem zoologischen Lexikon kurz vorstellen wollen.

Zoologische Exkursion: S. Windler / Honest B. Sc

Hessischer Lemming (Lemmus  hassianis - Artolaganus 2012) S. Windler / Honest B. Sc

Der Hessische Lemming, ein  dem Menschen äußerlich ähnliches Schadnagetier mit auffallend blondem und  lockigem Fell. Benagt vor allem kleine und mittelständische Firmen, deren  Inhaber und Mitarbeiter, sobald die Vorräte weggefressen sind, dem stets lustigen  Lemming in einem großen Umzug in den nächsten Abgrund folgen. Die Art  überwintert gemeinhin in einem dichten Lügengespinst, an welchem sie das ganze  Jahr über arbeitet, wobei sie sich immer mehr darin verheddert. Auffällig am  Verhalten dieses Lemmings ist außerdem, dass er - bei sonst vollkommen fehlendem  Schamgefühl - stets sehr darum besorgt ist, dass ihm niemand, wie er selber es  bei jeder Gelegenheit formuliert, "zu tief in den Popo schaut."  Verhaltensforscher rätseln über die Bedeutung dieser Eigenart, die sich um so  seltsamer ausnimmt, als das sonstige Seelenleben des Hessischen Lemmings nicht sehr  komplex ausgeprägt ist, bzw. schlicht nicht vorhanden ist. Man vermutet  daher, dass der Anus im Fortpflanzungsritus dieser Art eine wichtige, jedoch  erst noch zu klärende Rolle spielt. Die Art ist ursprünglich endemisch auf die Region Hessen beschränkt, wird jedoch in jüngster Zeit auch im fränkischen Raum häufiger beobachtet. Wildbiologen sehen dieses Ausgreifen der früher räumlich eng begrenzt vorkommenden Spezies mit großer Sorge, richtet sie doch dort, wo sie sich einmal festgesetzt hat in der Regel immensen ökonomischen Schaden an.
Siehe zur Vertiefung auch  Leif S. Windler / Honest B. Heppnersheimer: Zur Biologie des Hessischen Lemmings. Ein Schadnagetier in der Mitte Deutschlands. Übersetzung aus dem Englischen von Matthaeus Artolaganus. Zotenburg 2013.

B. Sc

Weiter im Text: S

Lutz durchlebt in den folgenden Wochen und Monaten den Höhenflug seines Lebens, dem freilich die Umsätze der Firma nicht geneigt sind, zu folgen. Vielmehr neigen sie sich in die andere Richtung, also nach unten. Der Geschäftsführer Lutz, eben noch als Unternehmensberater firmierend, macht Dritter deutlich, dass er nun selber Rat brauche („Man kann ja nicht alles wissen!“) und da guter Rat teuer ist, wird der Unternehmensberater und Controllingspezialist Planjanet hinzugerufen. Planjanet, dessen stets braungebranntes Äußeres die Vermutung nahe legt, dass er nur selten ein Büro von innen sieht und der, wenn er doch einmal ein Büro betritt, immer erst im Pluralis Majestatis glaubhaft verkündet: “Wir dreschen keine Phrasen!”, kam daher, sah und siegte zwar nicht, erkannte aber sofort, dass die Firma mehr verkaufen müsse, benutzt dafür allerdings unglücklicherweise das heute wenig gebräuchliche und auch noch nuschelnd ausgesprochene Wort „verscherbln“, was in der Firma zu monatelangen Diskussionen über die eigentliche Bedeutung der Aussprüche von Planjanet führt. Ein Teil der Mitarbeiter behauptet, sich unter dem Wort „verscherbln“ nichts vorstellen zu können (es handelt sich hier um jenen Teil der Mitarbeiter, die, wenn sie während der Arbeitszeit ein dringendes Bedürfnis verspüren, immer gleich einen Flug nach Indien buchen, da sich die Firmentoilette gerüchteweise am Ende des Ganges befinden soll), ein anderer Teil der Mitarbeiter beansprucht, mit dem Wort „verscherbln“ ungefähre Vorstellungen verknüpfen zu können, die auch in das semantische Umfeld des Kaufmännischen fallen, rätseln aber, ob es einen tieferen Sinn hat, dass Planjanet beim Gebrauch dieses Wortes ein „e“ verschluckt. Diese zweite Partei scheidet sich dann im weiteren Verlauf des Geschäftsjahres in zwei Unterparteien, von denen die eine behauptet, dieses verschluckte „e“ deute auf eine erst noch zu ergründende terminologische Nuance hin, deren betriebswirtschaftliche Bedeutung Laien verschlossen sei, während die andere behauptet, Planjanet habe das „e“ einfach nur irgendwo innerhalb der Firma verlegt, man müsse es nur in einer konzertierten Aktion suchen und dann endlich zur Tat schreiten.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Lutz lernt derweil viel, wenn auch langsam dazu, wobei ihn seine frisch eingestellte Assistentin, eine gewisse Amelia (jawohl: wieder eine Amelia! Und wieder ein blondes Angorafell! Lutz bleibt bei allem Wandel in seinem Leben bestimmten Konstanten treu.) begeistert anhimmelt, was ihn noch weiter in seinem Taten- und Lerndrang anfeuert. So erfährt Lutz nach mehreren Monaten, was die Firma eigentlich an Produkten verkauft, er ahnt erstmals etwas von dem Unterschied zwischen Brutto und Netto, er lernt, dass man im Großhandel Rabatte nicht auf die UVP-Preise gewährt und er lernt nun endlich, wie man das Automatikgetriebe seines Dienstwagens, mit dessen Auswahl er die ersten zwei Monate seines Geschäftsführerdaseins ausgefüllt hatte, bedient. Der Leser erinnert sich, dass ihm dieses Nichtwissen und Nichtbeherrschen bei Bettina Barceld seinerzeit den Job gekostet hatte. Außerdem benutzt Lutz häufig - wie schon früher gelegentlich - für ihn neue Fremdwörter (z.B. das Wort “Optionen”), weil sie in seinen Augen - Entschuldigung: - Ohren so gut und melodiös klingen.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,

Doch alles Tun und Machen, alles Definieren und Strukturen schaffen hilft nicht. Die Firma, deren Gang zur Neige (des Kapitals) sich exponentiell beschleunigt, wird unter tatkräftiger und geistesschwacher Mitwirkung eines zwar reichlich depperten, aber dennoch auch reichlich solventen Insolvenzverwalters erneut verkauft, diesmal an den Private Equity-Fond eines gewissen Alfonso Kapellen-Locust. Auch das Kapital dieses Fonds verschwindet rasch wie ein Käsefondue in einer schneesturmumwehten Schweizer Berghütte, wird also zügig durchgeschreddert und schließlich landet Lutz vor dem Kadi, von dem er zum ersten Mal erstaunt vernimmt, dass auch hierzulande gewisse Begriffe wie etwa „Gesetze“ und „Regeln“ im Gebrauch sind, und dass diese Begriffe durchaus auch ihre praktischen Implikationen besitzen.

Kurz: Lutz landet im Gefängnis, wo er sich jedoch – wir sind es von ihm nicht anders gewohnt – rasch einfügt. Er erlernt einen soliden Beruf mit Zukunft, nämlich das Tütenkleben und bessert dank seines hoch im Kurs stehenden, blond beflaumten und knackigen Hinterns sein Einkommen kräftig auf. In der Gefängnisdusche verdient er das Doppelte seines früheren Geschäftsführergehalts und blickt somit, während er sich bücken muss, erwartungsfroh und mit wichtiger Miene in die Zukunft.
 S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H. ,  H.i.1.G.R.,  S. Windler, Honest H.
An dieser Stelle wollen wir Lutz mit seinem neuen Kundenkreis alleine lassen. Wir durften Zeugen seines kometenhaften Aufstiegs werden und von dieser gehobenen Position mag er nun auf uns armselige Kleingeldstricher verächtlich herabsehen. Es sei ihm, wie alles, was er sich in seinem Leben hart und ehrlich erarbeitet hat, gegönnt.
         Erikson                                                                                                  Honest H.                                                                                                                   Honest H.                         
         Erikson                                                                                                  Honest H.                         
         Erikson                                                                                                  Honest H.                         

------------------------

[Eingangsbereich] [Gedichte] [Aus dem FF] [Aphorismen] [Ein Nachruf] [Wortschwälle] [Zoologisches] [Lutz Hoppeler] [Ausgang]