Gedichte

 Prosaische Poesie.

von

 FERDINAND FRIEDLOS

"So will ich Euch acht Jahre hinter einander wegreimen, die Eß- und Schlafstunden ausgenommen; das ist perfect so gesetzt, wie die Butter-Weiber auf dem Markt.”
      
   William Shakespeare, >Wie es euch gefällt< (Wielandsche Übersetzung)


 Lebensbilanz
 “Oh, wie ist das Leben finster!”
 Sprach`s und pisste in den Ginster.
 “Ach, ich bin des Lebens müde,
 Wollt, ich wär ein alter Rüde.
 Könnte vögeln Hundedamen,
 Und fiel dabei nicht aus dem Rahmen.”

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 Handgreifliche Literaturkritik
 Für den stadtbekannten dichtenden Schmock,
 War es doch ein großer Schock,
 Dass man nun wollt ihn aufhängen.
 Es geschah wohl auf des Volkes Drängen.
 Er hätt es faustisch hinter den Ohren
 Und sei zum Genie gar auserkoren.
 So hatte der dichtende Schmock stets gedacht.
 Jetzt ward dort ein faustdicker Knoten aus Hanf angebracht.
 Dann aber hat er`s hinter sich,
 Und die Erde drei Meter unter sich.
 So baumelt er jetzt an der Laterne
 Und blickt verträumt noch in die Ferne.
 Dem Publikum zum Dank, wird er noch seinen Darm entleeren,
 Um so den Unrat in der Welt gehörig zu vermehren.
 Das wird dann aber sein, das letzte was er tut,
 Und mit dem Schmock ist endlich alles gut.

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 Nebel
 Ich begegnete im dichten Nebel
 Einst einem Kerl mit langem Wedel.
 Der öffnete seine Hose:
 “Fass an die große chose!”
 Ich dachte nur: “Beim Himmel!
 Welch` ein gewaltiger Pimmel!”
 Da fing ich an zu rennen,
 Um zu entgehen seinen Fängen.
 In der Eil` stolperte ich über einen Baum
 Und wachte dann auf aus einem Traum.
 Ich lag in meinem warmen Nest
 Und stellte mit Erschrecken fest:
 Es war mein eignes Ding,
 An welchem meine Hand noch hing!

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 Peruanische Elegie
 Es war einst eine Maus in Lima,
 Die beschwerte sich über das trockene Klima.
 Da fing es an zu regnen,
 So als würd` Gott sie segnen.
 Die Maus, die fiel nieder auf die Knie.
 So tief religiös sah man sie sonst nie.
 Jedoch, als anstiegen die Wasserstände
 Und bereits nass wurden ihre Hauswände,
 Da fing die Maus an zu fluchen,
 Mit Ausdrücken, die musst Du sonst suchen!
 Aber weder fluchen noch beten brachten die Wende,
 Vielmehr fand die Maus in den Fluten ihr Ende.
 Man merke: Sei mit den gegenwärtigen Zuständen zufrieden!
 Dies ist`s, was uns hier unten beschieden.

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 Nachtgedanken
 Ich saß auf einem Steine,
 Im hellen Mondenscheine.
 Ich saß dort um zu finden,
 Nicht den verträumten Weg zu den süßen Linden,
 Sondern zu wählen die Art und Methode
 Über die zu erringen des Lebens Antipode.
 Mit anderen Worten:
 Ich wollt` mich ermorden,
 Um auf rasche und humane Weise
 Zu verlassen des Lebens Gleise.
 Der Wege in den Tod jedoch,
 Gibt es viele und ich zaudere noch,
 Ob`s angenehmer ist zu hängen und zu baumeln,
 Oder von einer Brücke in den Abgrund zu taumeln,
 Ob nicht ein gezielter Schuss ins Herz
 Am schnellsten beendet meinen Weltenschmerz.
 Freilich wurd` abgenommen mir die Entscheidung,
 Denn mit äußerst exakt abgestimmter Neigung,
 Stürzt auf mich aus des Weltall unendlichen Weiten
 Ein Komet herab, um seine Bahn zu beschreiten.
 Der Komet, der machte mich buchstäblich platt,
 Wie eines der süßen Linden hellgrünes Blatt.
 Man merke: oft benötigt es gar keinen Selbstmord,
 Denn von selbst findet das Leben den Schlussakkord.

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 Sammelwut
 Es war einst ein König in Meißen,
 Der wollt mit seiner Porzellansammlung gleißen.
 Er stellte die kunstvollen Schalen,
 Die er vorher herrlich ließ bemalen,
 In eine enorme gläserne Vitrine,
 Die täglich musst putzen die junge Trine.
 Die Trine aber, die war gar nicht dumm:
 Sie warf die ganze Vitrine um.
 Dafür ward sie verdonnert zusammenzukleben,
 Die Einzelteile des Porzellans für den Rest ihres Lebens.
 Dies war ein frühes Beispiel für Arbeitsplatzsicherung,
 Welche heute noch beliebt bei Konjunkturdrosselung.

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 Literaturbranche
 Die Menschen fliegen zum Mond
 Doch von Ödnis bleiben sie nicht verschont.
 “Da könnte man doch was draus machen!”
 Dachte der Dichter und fing an zu lachen.
 Er witterte schon einen großen Markt
 Für seine öden Verse, welche ganz apart
 Schilderten die dem Menschen beschiedene Situation,
 Und dabei waren angefüllt mit blankem Hohn.
 Doch schnell verging dem Dichter das Lachen,
 Als der Lektor sprach: “Da kann man nichts machen.”
 Des Dichters Verse wurden abgelehnt,
 Und die Tantiemen, welche er ersehnt,
 Bekam ein bekannter Esoterik-Berater,
 Der eine Wahrsagerbude betrieb im Wiener Prater.
 Die Branche zu wechseln sah sich der Dichter gezwungen.
 Ein Job in der Werbung, der wurde ihm aufgedrungen.
 Jetzt sitzt er von neun bis fünf im öden Büro
 Und seine Verse, die sind so dumm wie Stroh.
 Dem armen Poeten, dem wurde es schließlich zu bunt.
 Er sprang in den See und sank tot auf den Grund.
 So hatte des Lebens Ödnis ihn eingeholt
 Und ihm noch kräftig den Leisten versohlt.
 So merke Dir: Mit des Lebens Ödnis ist nicht zu spaßen,
 Wer es dennoch tut, der krepiert schuldigermaßen.
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 Historische Begegnung
 Einst traf Mark Twain den alten Lincoln
 In einer öffentlichen Toilette beim Pinkeln.
 Der alte Abe Lincoln sagte kurz: "Hello!"
 Mark Twain antwortete nur: "Wie geht`s denn so?"
 Dann gingen beide ihrer Wege
 Ohne dass einem am anderen was läge.
 Mehr kam bei dem Treffen nicht heraus.
 Intellektuell war das sicher kein Rausch.
 Auf dem Klo wirkt eben auch der Größte banal
 Und in seinem Hirn bläst die Leere ein fröhlich` Fanal.
 So spiegelt sich in einer gelben Pfütze der Lauf der Welt,
 Den bekanntlich weder Ochs` noch Esel aufhält.
 
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 1792
 
Es legte sich die junge Trine
 Mit Elan unter die Guillotine,
 Denn sie dachte, dass diese Maschine
 Einzig der Pflege ihrer Frisur diene.
 So endete sie auf dem Boden des Schafotts,
 Wohin ihr Kopf rollte plötzlich recht flott.
 Vorm eiligen Abschied aus dieser bitteren Welt
 Bereute sie noch das dem Henker zugesteckte Trinkgeld.
 Man lerne: Naivität kostet so manchem den Kopf,
 Der glaubt, er packe die Gelegenheit beim Schopf.
 
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 Bajuvarische Herzlichkeit
 “Mein lieber Wickerl, es ist Ihnen zu verkünden,
   Dass, zwecks Verbüßung Ihrer großen Sünden,
   Sie im Morgengrauen wer’n erschossen.
   Ich hoff’, des macht Sie  net verdrossen.
   Nun trinken’s noch a letzt’ Maß Bier!
   Jetzt schlägt`s eh net mehr auf die Nier’.
   Schlafen`s gut die letzte Nacht
   Und träumen’s lieb und sacht.
   Morgen früh wer’ns zeitig aufgeweckt
   Und dann bald in den Sarg gesteckt.
   Dort können’s dann gemütlich ausschlaff`n
   Während die Leut’ Ihre Leich’ begaffen.
    So findet denn alles seine glückliche Wendung.
    Bitte bestätign`s noch den Erhalt dieser amtlichen Sendung.”

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 Afrikanisches Nachtlied
 
Über Mogadischu ist Ruh`.
 In allen Hütten riechest Du
 Kaum einen Rauch.
 Die Schimpansen schnarchen im Walde.
 Warte nur, balde
 Schnarchest Du auch.

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 Entwurmung
 
Wer kriechet so spät durch Nacht und Sturm?
 Es ist ein kleiner, nackter Wurm.
 Er hält Ausschau nach passendem Gewande,
 Um zu bedecken seine Blöße und Schande.
 Da kommt geflogen ein schwarzer Rabe,
 Dem Dialekt nach ein hungriger Schwabe.
 Der hat den kleinen Wurm rasch verzehrt
 Und sich um dessen Nacktheit nicht geschert.
 Man merke: Die Gier kennt keine falsche Scham.
 Hauptsache es ist gefüllt der eigene Darm.

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 Beamtenlaufbahn
 
Zur Lateinlehrerin Döll schlich, den Molch im Gewande,
 Ein Schüler - ich war`s; ich gesteh`s zu meiner Schande.
 Den Molch steckte ich in ihre oberste Schublade,
 Damit er dort das Öffnen derselben abwarte.
 Er sollte lediglich erschrecken die zarte Beamtenseele,
 So dass sie uns mit Vokabeln nicht länger quäle.
 Jedoch als in die Lade griff der Lehrerin Hand,
 Und dort die Hustenbonbons nicht auf anhieb fand,
 Biss der Schwanzlurch ihr ab den rechten Zeigefinger.
 Ich dachte nur: Schlimmer geht es nimmer!
 Es fiel die bleiche Lehrerin um.
 Statt zu jodeln blieb die Klasse stumm.
 Da sie nun nicht mehr greifen konnte die Tafelkreide,
 Kam für die Beamtin zu ihrem unsäglichen Leide
 Mit vollen Bezügen die sofortige Frühpensionierung,
 Was Frau Döll schließlich annahm als glückliche Fügung.
 Statt die Schüler zu quälen mit Latein,
 Trank sie nun schon Vormittags Wein.
 Jahre später hat dann der Alkoholismus sie hingerafft
 Und das alles hat ein kleines Amphibium geschafft.

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 Himmlischer Beistand
 
Die Rosmarie, die stinkt zum Himmel,
 Es liegt wohl an der Füße Schimmel.
 Da wurde geschickt ein Engel vom Herrn,
 Mitunter tut der alte Herr dies gern.
 Der Engel namens Schmitt ward auserkoren,
 Der Rosmarie ein Loch in den Schuh zu bohren.
 So konnte abziehen der teuflische Gestank.
 Dem Herrn und Schmitt gebührt ewiger Dank.
 
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 Geschichte der deutschen Lyrik
 
Es mühlet die Klapper am bachernen Rausch.
 Und kahl fahlt der Baal den Himmel in Bogen und Bausch.
 Rilke flieht vor dem ruhelosen Panther in die tiefschwarze Stadt,
 Nachdem der Ringelnatz der Katz` den Käfig geöffnet hat.
 Heine weiß jetzt, was es bedeuten soll,
 Dass Benn auf den Avenuen bezahlt keinen Zoll.
 Eichendorff irrt durch den grünschimmernden Wald
 Und neidet fußlahm dem Goethe die wipflige Ruhe bald.
 Der Dichterfürst richet an Annas Blume derweil,
 Während Schiller gewandt den Dolch zückt` in Eil`.
 Der Hölderlin sieht`s und wächst in der Gefahr.
 Doch Claudius ruft: “Es ist alles nicht wahr!”
 Es war alles nur ein schwindliger Traum,
 Geboren aus des Wortmeers nächtlichem Schaum.
 Und ewig die Linde am Brunnen vor dem Tore steht,
 Wohin auch immer der Wind den Erlkönig stürmisch verweht.

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 Hölderlin
 im Andenken an die Abiturfeier des Leistungskurses Deutsch
 des Alexander-von-Humbug-Gymnasiums in Zotenburg
 am örtlichen Baggersee


 
Mit blonden Dirnen hänget
 Und voll mit Bier aus Dosen
 Der Bernd in den See.
 Ihr holden Schicksen,
 Und trunken vom Wodka
 Tunkt ihr das bleiche Haupt
 Ins eisig-nüchterne Wasser.

 Weh mir, wo nehm ich, wenn
 Es Morgen wird, die Kleider, und wo
 Den Horst Beinstein,
 Und den Rest der Freundesherde.
 Die Flaschen stehn
 Sprachlos und leer, selbst Rosalinde
 Hat eine Fahne.

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 Akademische Notdurft
 
Studienrat Wurmstich war ganz entsetzt,
 Als er die Lehrertoilette fand besetzt.
 Wo soll er nun sein Wasser abschlagen,
 Ohne dass ihn neugierige Schülerblicke plagen,
 Welche die Größe seines Gemächts verstohlen abmessen,
 Um dieses Miniaturbild dann nie wieder zu vergessen?
 Da erblickt er auf dem Fensterbrett,
 Drapiert mit Liebe und sehr nett,
 Der Hausmeisterfrau Sammlung von Usambaraveilchen -
 Der alte Herr zögert nur ein kleines, kurzes Weilchen!
 Dann strullert er munter in die violette Blumenpracht,
 Welche - so benetzt - nicht überlebt die nächste Nacht.
 So war der Studienrat glücklich erlöst von drängender Pein,
 Während die Hausmeisterfrau ist am Ende mit ihrem Latein.

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 Physikalisches
 
Das erste Perpetuum mobile
 Stand bei Einsteins in der Diele.
 Dies wird auch von Heisenberg bezeugt,
 Der das Gerät einst neidisch beäugt.
 Doch ist es dann im Nachlass verschwunden,
 Was die Physiker haben bis heut` nicht verwunden.

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 Alkoholisches
 
Graf Ruprecht hatte einen Hintersassen,
 Der Weizen produzierte in Massen.
 Draus hat der Edelmann dann Schnaps gebrannt,
 Welchen er geistreich als “Korn” benannt.
 In Flaschen wurde das Gesöff auf den Markt verbracht
 Und hat dem Grafen viel Bares eingebracht.
 Dies kam zu Ohren den Steuerbeamten,
 Die auf des Königs Anteil bestanden.
 Drum hat der Ruprecht das Gerücht in die Welt gebracht,
 Der Teufel selber habe den Schnaps gemacht.
 So wurde auf die Steuer verzichtet ganz und gar,
 Weil ja der Beelzebub nicht steuerpflichtig war.

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 Lokalkolorit
 
Am Brunnen vor dem Tore, da hängt ein Wandersmann,
 An einer großen Linde, da baumelt er friedvoll dran.
 Er hatte geprellt seine Zeche,
 Und war, so hieß es, ein Tscheche.
 Man knüpfte ihn auf in der alten Linde Geäst
 Und hat fortan veranstaltet ein jährliches Fest.
 "Zum hängenden Wandersmann" ward das Gasthaus umbenannt
 Und ist als solches noch heute weltweit bekannt.

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 Expansion
 
Ach, die Hitze, die Hitze,
 Sie dringt in jede Ritze.
 Es dehnen sich aus ihre Pobacken,
 So dass sie hilflos absacken.
 Früher waren sie schön anzuschauen,
 Nun erwecken sie nacktes Grauen.
 Unaufhörlich expandiert das All und alles darin,
 Die Erde, der Mond und der Po von Karin.

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 Tierische Not
 
Eine kleine, schwarze Obstfliege,
 Die kriegte einst nicht die Biege.
 Sie flog gegen den Küchenschrank
 Und war danach vier Wochen krank.

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 Wahre die Distanz!
 
Man sollte keinen fahren lassen,
 Bewegt man sich in Menschenmassen.
 Sonst wird man uns sicher hassen
 Und womöglich gar zur Ader lassen.

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 Mobbing im Großraumbüro
 zur Melodie von “Die Gedanken sind frei”

 
Die Kerstin ist doof,
 Man kann sie nicht leiden.
 Ja, die Kerstin ist doof,
 Man sucht sie zu meiden.
 Wir woll’n sie vertreiben,
 Oder schneiden in Scheiben.
 Denn die Kerstin ist doof.
 Ja, die Kerstin ist doof.

 Die Kerstin ist doof,
 Man kann sie nicht leiden.
 Ja, die Kerstin ist doof,
 Sie kann wohl nur streiten.
 Ihr Kopf, der soll rollen,
 Dann wird sie sich trollen.
 Denn die Kerstin ist doof.
 Ja, die Kerstin ist doof.

 Die Kerstin ist doof,
 Man kann sie nicht leiden.
 Ja, die Kerstin ist doof,
 Jeder kann es beeiden.
 Wir woll’n sie aufhängen,
 Ihr den Hintern versengen.
 Denn die Kerstin ist doof.
 Ja, die Kerstin ist doof.

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 Blickweite
 
Im Stile des Gottfried Benn.

 
Dein Blick, der schweift in die Ferne,
 Doch leben musst Du in Herne.
 Deinem Dasein gebricht es Nachmittags an Sinn,
 Und Du meinst, der fände sich südlich des Inn.
 Aber selbst im sonnentrunkenen Schwaben,
 Kreisen sie, die finsteren, hungrigen Raben.
 Sie kreisen über dem azaleenbeblümten Leichentuch,
 Welches bedeckt den modrigen Grabesgeruch.

 Am Ende bleibt nur die Kastanie im Hinterhof,
 Die grün schimmert hinter dem Gardinenstoff.
 Ihr Schimmern, das wird Dir immer bleiben,
 Auch wenn die Pathologen dich ausweiden,
 Wenn sie einlegen deine Augen in Alkohol,
 Bleibt ihnen der kastaniengrüne Lichterpfuhl.

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 Berufung
 
Klein-Paul sollte sich einst einen Beruf erwählen,
 Um sich nun mindestentlohnt durchs Leben zu quälen.
 Ob hoch oben als Schornsteinfeger,
 Oder am Boden darnieder als Fliesenleger.
 Dies sind die dargebotenen Alternativen.
 Wahrlich: beides wäre nichts für Diven.

 Doch Paulchen durchschlägt den Gordischen Knoten
 Und weist zurück, was ihm vom Amt dreist angeboten.

 Das Paulchen, dieser schlaue Tropf,
 Der packte die Gelegenheit beim Schopf.
 Ging zur Firma Gutschneid und ließ sich köpfen,
 Um für die Karriere aus dem Vollen zu schöpfen.

 Jetzt dient Pauls Kopf als Bücherstütze,
 Auf daß er dem Geistesleben nütze.
 Er blickt mich trotzig an aus meinem Bücherregal,
 Nachdem ich ihn von Gutschneid erwarb ganz legal.
 Es lehnt sich an ihn die Goethe-Werkausgabe
 Und „Geistesstütze“ ist nun seine Berufsangabe.

 So findet am Ende eben jeder die passende Verwendung.
 Alles andere wäre ja schließlich reine Verschwendung.

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 Dichterische Impotenz
 
Die Zeit steht starr noch in der Stille.
 Der Nebel schlägt mir auf die Brille.
 Dieses Gedicht, das fing gut an,
 Doch weiter war wohl nichts daran.

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 Hommage an Dada
 die zeiten zahnen, doch:
 es steint der tropfen hohl
 und mit ihm stumpft der stiel.
 es schopft das pack den pudelkern.
 den zar aber zerren zornige zeisige,
 während der pfahl den zäunen winkt.

 die athener tragen eulen und
 die roten verlieren ihre fäden.
 den raben fressen die reiter
 im verschwiegenen graben,
 während die waage noch züngelt.

 der pfeifer locht den letzten,
 der aber holt seinen löffel
 und am ende fassen die eigenen
 die verdrehte nase.

 oh weia, oh je:
 zum hohn klatscht der mohn!

 schwarz ist die nacht
 bei lichte besehen.

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 Beschildertes Weltenende
 
Dies ist das Ende
 Vom abschüssigen Gelände.
 Danach beginnt der freie Fall,
 Ins unbegrenzte Weltenall.

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 Widerborstigkeit
 
Der kleine, nette Herr Walther
 War ein großer Schweinehalter.
 Doch wurd er allergisch gegen Borsten
 Und zog daher fort nach Dorsten.

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 Idylle
 
Am schattenverhangenen Teiche,
 Da trat ich in Günters faulige Leiche.
 Auf dem weissschimmernden Uferkiese
 Roch er doch schon etwas miese.
 Daher verscharrte ich ihn im kühlen Walde,
 Wo die Wildschweine ihn finden wohl balde.

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 Gerüchte
 zur Melodie von “Über den Wolken”

 
Unter den Achseln
 Muss der Gestank wohl grenzenlos sein.
 Alle Deos, alle Parfums, hört man,
 Müssen darunter versagen und so ist,
 Was einst groß und luftig erschien,
 Nur noch stinkig und klein.

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 Goldener Boden
 zur Melodie von “Flugzeuge im Bauch”

 
Fühl mich leer und mißbraucht.
 Alles kaputt.
 Hab Handwerker in meinem Haus.
 Kann mich nirgends setzen,
 Kann auch nirgends stehn.
 Ach, denen gelingt auch nichts!
 Gebt mir mein Haus zurück!
 Ich brauch meinen Wohnraum doch.
 Gebt mir mein Haus zurück!
 Bevor es auseinanderbricht!
 Und je später, je später ihr`s tut,
 Um so teurer, um so teurer
 Wirds für mich.
 Gebt mir mein Haus zurück ...

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 Orientalische Sinnlichkeit
 Es sprach der Schah von Teheran,
 Als man ihm trug den Tee heran:
 
”Ach eh ich es vergesse:
 Ich hätt gern ne Mätresse!
 Zur Not täts aber auch ne Hetäre,
 Wenn sie nur blond genug wäre.
 Oder irgendeine Konkubine:
 Hauptsache eine Blondine!”

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 Samarkandisches Reisetagebuch
 
Es heißt, im Lande Samarkand,
 Da findet sich der Erde Rand.

 In Samarkand, da hat es keine Möbel.
 Auf dem Boden sitzet da der Pöbel.
 
 In Samarkand, in Samarkand,
 Da sind alle Frauen schlank.

 Ich tu Euch hiermit allen kund:
 In Samarkand küßt ich die schöne Kunigund.

 Im schönen Lande Samarakand,
 Verkauft sich gut so mancher Tand.

 Im ehrlichen Lande Samarkand
 Gereicht das Schwarzfahren zur Schand.

 Im fernen Lande Samarkand,
 Zahlt man für Joghurtbecher Pfand.

 Im alten Lande Samarkand,
 Haben Politiker einen schweren Stand.

 Im armen Lande Samarkand
 Macht man Kohle aus Diamant.

 In Samarkand, in Samarkand
 Verläuft der Weltenherrscher Plan im Sand.

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 Kulturübergreifend
 
Es war einst ein alter Bretone,
 Der hatte, der Vernunft zum Hohne,
 Ein ausgesprochenes Faible
 Für die junge, englische Maible.
 Die gab ihm charmant lächelnd einen Korbe
 Und heiratete den Korla - der war wohl Sorbe.

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 Homo homini lupus
 
”Ich würd` Ihnen gern den Hals umdrehn.
 Sie werden dieses Anliegen sicherlich verstehen?”
 “Ihr Vorhaben - das ist angebracht,
 Und auch überzeugend vorgebracht.
 Doch lassen Sie mich noch fragen:
 Darf ich Ihnen zuvor den Kopf abnagen?”

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 Anachronismus
 belauscht während einer After-Work-Party der
 Kulturredaktion der >Zeit<
 

 
”Einst stand der Philosoph Hegel
 Am Berliner Flughafen Tegel.”
 “Ich glaube wohl Sie spinnen!
 Das kann doch nicht stimmen!
 Wie hätt er denn über die Berliner Mauer kommen wollen,
 Ohne den ethischen Impetus des Kantianischen Sollens.”

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 Das Amusement zum Tode
 Man köpft recht gut in Hinterzarten,
 Doch muss man lange auf den Henker warten.
 Drum wurden Animateure vertraglich gebunden,
 Um zu vertreiben der Delinquenten letzten Stunden.
 Mit Bingo etwa, oder Neigungsgruppen,
 Oder gar Augsburger Marionettenpuppen,
 Bis zum blutgen End gut unterhalten.
 So geschieht es, läßt man Profis walten!

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 Fleischbeilage
 Hinten im Garten luckt aus dem Salat
 Der alte, warzige Psychopath.
 Es ist der fiese Kröterich,
 Der weit bekannte Wüterich.
 Keine Schnecke fand je vor ihm Gnade
 Und Würmer verschlang er auch ohne Panade.
 Doch als der Salat im Herbst ward abgeräumt,
 Hat auch der böse Kröterich ausgeträumt.
 In die Salatschüssel geriet er mit hinein,
 Zuvor klein gehackt zu seiner großen Pein.
 Zum Mittagsmahl wurd die Kröte geschluckt.
 Es hat wahrlich niemanden gejuckt.
 So endete das gefürchtete Amphibium.
 Die Würmer dachten nur: So sei es drum!

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 Bettgeschichte
 Dies ist das Bett in welchem Heinrich VIII.
 Nach seiner letzten Vermählung wachte.
 “Dir Katherine werd ich es zeigen
 Und einen Sohn mit Dir zeugen.
 Ansonsten hol dich der Henker!”
 So sprach der gekrönte Staatenlenker.
 Statt dessen holte Freund Hein den Heinerich,
 Den blaublütigen, blaubärtigen Schweinerich.

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 Schwerverbrecher
 Man hängt recht schnell in Berchtesgaden,
 Und zwar bei Schmitts hinten im Garten.
 Doch: Oje, welch große Maledei!
 So mancher Strick reißt gar entzwei.
 Drum merke: ist der Delinquent zu dick geraten,
 So spalt ihm den Schädel gleich mit dem Spaten.

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 Nestbeschmutzung
 Im schönen Allgäu
 Ist man eher scheu,
 Im blühenden Tirol
 Hingegen recht frivol.
 Doch im grausen Franken,
 Da muss dein Gemüt kranken.

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 Königliches Privileg
 Dem XIV. König Ludewig,
 Dem widerfuhr ein großes Mißgeschick.
 Als er thronte auf dem Versailler Topfe,
 Da schoß ihm der Gedanke durch den Kopfe:
 Es ist ja noch nicht erfunden das Toilettenpapier!
 Doch gerade dieses bräuchte er jetzt und hier.
 Dies Erlebnis nahm die Majestät zum Anlass
 Und holte einen Grafen aus dem Elsas.
 Der durfte fortan den königlichen Hintern abwischen,
 Worauf man hörte den ganzen Hof vor Neid zischen.
 Doch König Ludwig ist jetzt immer froh,
 Sitzt er in Versailles auf seinem Klo.

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 Tool Making Animal
 Es sprach der greise Marquis de Sade:
 Geh, was ist mir heut wieder fad!
 Hätt ich noch meine alte Rute,
 Die lange, oft bewährte, gute.
 Hart und fest und doch biegsam,
 Dabei in der Pflege genügsam.
 Dann könnt ich die Magd versohlen
 Und so ein wenig Glück mir holen.
 Aber das Biest hat die Rute versteckt.
 Ach das sie an ihrer Tugend verreckt!
 Ich ging ja in den Garten zu den Weiden,
 Mir eine neue, schöne Rute zu schneiden.
 Aber ich Greis schaff die Treppe nicht mehr.
 Dank der Libertinage altert man eben sehr.
 So werd ich halt bloß ein Buch drüber schreiben
 Und im Reiche meiner Phantasie verbleiben.

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 Reine Kopfsache
 Dem Schultze wurd der Kopf weggeschossen.
 Er guckte danach recht verdrossen.
 Denn ohne Kopf durchs Leben zu gehn,
 Und dennoch seinen Mann zu stehn,
 Das ist gewiss kein leichtes Unterfangen.
 Da muss man um sein Lebensglück bangen.
 Doch Schultze vertrieb die üblen Gedanken,
 Die brachten seine Stimmung ins Wanken.
 Bist du unbelastet von jeglicher intellektueller Regung
 Ist dies im Alltag wohl oft eine wirkliche Segnung.
 Man muss sich keinen Kopf mehr machen,
 Sondern kann sich widmen den seichten Sachen.
 Klafft zwischen deinen Schultern ein großes Loch,
 So strahlt hervor ein blödes Allzeithoch.

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 Faustisch
 So manchem Schmock aus deutschen Landen,
 Dem kam wohl der Verstand abhanden.
 Man studierte ach: BWL, Politologie oder Juristerei
 Und legt nun manches faule, windige Ei.
 Sie halten sich für gescheiter als all die Laffen
 Und sind doch nur brauchbare akademische Affen.
 Sie heißen Bachelor oder Master zwar,
 Hatten ein, zwei Auslandssemester gar,
 Sie haben wahrlich viel Gut und viel Geld,
 Alle Ehr und Herrlichkeit in dieser Welt.
 Das alles ohne sauren Schweiß,
 Wie ein jeder sehr gut weiß.
 Doch gesunden Menschenverstand haben sie keinen,
 Wärs nicht so lustig, wärs wohl zum Weinen.
 Solche Leute sinds, die schalten und walten,
 Um die moderne Welt zusammenzuhalten,
 Das ganze Chaos, den großen Behemoth,
 Halt den ganzen grotesken Schrott.

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 Sinnfreies I
 “Sie werden es nicht glauben!
 Ich wollt Sie heut Nacht berauben.”
 “Bei mir ist doch nichts zu holen,
 Außer einem Paar ausgestopfter Dohlen.”

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 Wetterfühligkeit
 Herrscht im Voralpenland Föhn
 Wird so mancher dort obszön.
 Ist es dagegen dort sehr neblig
 Dann balzen die Leute vergeblich.

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 Sinnfreies II
 Auf Rügen, auf Rügen,
 Da liegen sie in den letzten Zügen.
 Dagegen auf Helgoland:
 Dort verkaufen sie säckeweise Sand.

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 Konstanten
 zur Melodie von “Als Böhmen noch bei Östreich war”

 
Als Walter noch ne Waltraud war,
 Vor fuffzehn Jahr, vor fuffzehn Jahr,
 Da trug er schon nen vollen Bart
 Und war auch sonst behaart.

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 Kontrastmittel
 Die Schönheit deiner Glieder,
 Die ist mir sehr zuwider.
 Ich hätt lieber ne potthäßliche Frau,
 Neben der ich dann gut ausschau.

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 Kakophonie
 Mir bluten schon die Ohren,
 Vom Geschwätz der vielen Toren.
 Ach wär ich doch vollkommen taub,
 Das Leben käm mir vor wie ein Urlaub.

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 Naturgeschichten
 Es sprach der alte Darwin zu seinem Lurch:
 “Da mußt Du entwicklungsgeschichtlich durch!”
 Es erwiderte der Lurch: “Eine jedwede Form von Evolution
 Verstößt entschieden gegen die mir eigene Religion.”
 Ein höheres Wesen wollt der Lurch partout nicht werden.
 Lieber kroch er weiter als Molch herum auf Erden.

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 Federvieh
 Es gab eine Frau namens Gudrun,
 Die hatte die Gestalt eines Supphuhn.
 Doch traf sie auf den schönen Franz,
 Da wurde sie zur albernen Gans.

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 Anglerlatein
 Grad bei den Kieler Sprotten,
 Da geht es zu wie bei den Hottentotten.
 Doch auch die edlen Makrelen
 Sind nicht frei von üblen Querelen.
 Dagegen bei all den feinen Lachsen:
 Die benehmen sich richtig erwachsen.

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 Minnedienst
 Es war einst eine Frau namens Mechthild,
 Die suchte sich ein kräftiges Mannsbild.
 Der durfte ihr dann den Hof täglich machen,
 Mit Besen und Schaufel und solchen Sachen.

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 Verborgenes Bukett
 Es blühen die Furunkel
 Wie orange-gelbe Ranunkel.
 Doch kann sie keiner sehen auf dem Hintern,
 Was ihre Schönheit nicht wird mindern.

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 Vorkasse
 So mancher brave Delinquent,
 Der wird so richtig renitent,
 Wenn der Henker seine Rechnung präsentiert,
 Bevor er ihn am Morgen dann guillotiniert.
 Der Staat, der dich ein Leben lang geschröpft
 Und dich am Ende auch noch köpft,
 Der verzichtet auf die Mehrwertsteuer nicht.
 Da verzweifelt doch ein jeder schlicht.
 Auch dein Abgang ist nicht kostenlos.
 Dies ist aller Sünder Los.
 Drum lass Dir nun die Henkersmahlzeit schmecken,
 Bevor man Urteil und Forderung wird vollstrecken.

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 Rabeneltern
 Der Rabenvater war doch sehr empört,
 Als er von seinem schlechten Rufe hört.
 Er gab der Rabenmutter alle Schuld.
 Die nahm es hin mit weiblicher Geduld.

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 Klagelied
 In Klagenfurt, in Klagenfurt,
 Da klagen die Leute immerfort.
 Kein Mensch will bleiben in Klagenfurt.
 Die kommen alle nach Ochsenfurt.

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 Seefahrt ist not!
 Es leiden so manche Matrosen
 Unter ihren großen Arthrosen.
 Doch sind sie adipös auch noch dazu
 So geschieht das Unglück dann in nu:
 Des Schiffes stolzer Mast, der bricht
 Unter ihrem unerträglichen Gewicht.

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 Fruchtvoll
 Es küsste ihn die Muse
 Beim Verzehr einer Pampelmuse.
 Er sang das Hohelied der Zitrone
 Und verklärte die grüne Limone.
 Selbst die Orange,
 Die lobte er lange.
 Doch verdammte er die Mandarine,
 Die tauge nur für die Betriebskantine.

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 Gut Holz
 Meine liebe alte Omi,
 Die war aus Mahagoni.
 Halt aus gutem Holz geschnitzt
 Und im Übrigen sehr gewitzt.

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 Seemannsgrab
 Sein Ende war fatal.
 Es schluckte ihn ein blauer Wal.
 Der verdaute ihn in sieben Tag,
 Weil er quer im Magen lag.

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 Charakterkunde
 Laut amtlicher Expertise
 War er ausgesprochen miese.
 Doch holte er eine zweite Meinung ein,
 Laut der war er ein Charakterschwein.

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 Hühnerhof
 Das Leben eines Hahn,
 Das ist doch recht profan.
 Findet er ein williges Huhn,
 So weiß er, was zu tun.

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 Rehposten
 Kein Mensch hat mehr Respekt
 Vor ehrlichem, guten Rehspeck.
 Nur Schweinespeck wollen sie alle haben,
 Diese fettgierigen, hungrigen Schaben.

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 Ornithologisches
 ”Mir schwant übles” sprach der Schwan.
 “Da lachen ja die Hühner” entgegnete der Hahn.
 “Welch sprachlicher Spagat”
 Sinnierte der Storch im Salat.

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 Hamlet für Arme
 Ach weh, ich armer Tor,
 Mich juckt es so im Ohr.
 Darin nistet dreist ein Floh.
 Ich werd des Lebens nicht mehr froh.
 Einem Zirkus ist er frech entlaufen,
 Um mein Blut im Gehörgang zu saufen.
 Untermiete zahlt er natürlich keine.
 Oh seht doch nur, wie ich weine.
 Welch unerträgliche Lage!
 Schlaf oder nicht Schlaf - das ist hier die Frage!
 Ich werd zum Wattestäbchen greifen,
 Um den Parasiten wegzuschleifen.
 So wappne ich mich gegen nächtliche Plagen
 Um anschließend wieder ruhig zu schlafen.

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 Existenzialismus
 Inmitten einer Tiefdruckrinne
 Ward er seiner Existenz nun inne.
 Durchnässt vom Regen bis auf die Knochen
 Hat er wie ein nasser Hund gerochen.
 Den dumpfen Mief, das triefende Haar
 Nahm er als Grenzsituation war.
 Nun steht er einsam und allein,
 Halt ein wirklich armes Schwein.

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 Buchhalterisches
 Am Schreibtisch wurd vom Blitze er erschlagen
 Und damit erlöst von allen irdischen Plagen.
 Kein Stöhnen mehr über Soll und Haben
 Oder all die ungeplanten Ausgaben.
 Kein Excel mehr und auch kein Word.
 Es tragen ihn die Engel fort.
 Nun darf er die Engelsharfen verwalten
 Und brav mit den Ersatzsaiten haushalten.
 So findet Erfüllung seine Buchhalterseele,
 Der es niemals an Redlichkeit fehlte.

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 Haariges
 Es ist bedeckt der Mann in jungen Jahren
 Mit einer unermeßlich großen Zahl an Haaren.
 Doch mit dem Alter werden diese rar,
 Welch traurig Schicksal - traun fürwahr!

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 Nestwärme
 Man lebt ganz gut in Dinkelsbühl.
 Doch sind die Abende recht kühl.
 Drum wird allabendlich ne Hex verbrannt,
 Denn die menschliche Wärme - die entspannt.

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 Posthistoire
 Die Zeit hat sich die Zähne ausgebissen
 Und ihre Fugen ganz verschlissen.
 Nun steht die Zeit im toten Winkel tief bedrückt:
 Der Zeiten Lauf, der ist missglückt:
 Dies ist das Ende der Geschichte,
 Betrachtets man im linken Lichte.
 Doch gewiss ziehen andere Zeiten auf,
 Dies ist nunmal der Welten Lauf.

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 Gleichmut
 Es war einst ein Typ namens Emil,
 Der galt als ziemlicher Schlehmil.
 Sagte man zu ihm: “Du bist zu nichts nütz!”,
 So antwortete er: “Das macht doch nüchts!”

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 Kontradiktorisch
 Es war einst eine Gans namens Anders,
 Die sah im Leben alles ganz anders.
 Wurd mit Schuld und Wahrheit sie konfrontiert,
 So hat sie stets mit Nachdruck darauf insistiert:
 “Es war aber doch alles Gans Anders!”
 Und entkam im Taumel des geistigen Durcheinanders.

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 Kunstgeschichtliches
 Es sagte der Piccasso zu Dalí
 Beim gemeinsamen Urlaub auf Bali:
 “Jetzt mach doch daraus einen Akt,
 Und mal die Schickse endlich nackt!”

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 Philosophischer Diskurs
 “Gehts bitte etwas genauer?”
 So fragte der Arthur Schopenhauer.
 “Mein Denken, das kommt von ungefähr.
 Genauigkeit, die fällt da eher schwer.”
 So dozierte der alte Professor Hegel.
 Drauf nannte der Arthur ihn nen widerlichen Flegel.

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 Genußmenschentum
 In der Konditorei, hinten am Ecktisch,
 Da wird es plötzlich richtig hektisch.
 Die Eierlikörtorte, die wird jetzt servieret,
 Nach der man nun schon lange gieret.
 Wir hoffen auch mit ehrlicher Sorge, dass die Torte mundet,
 Hatte doch die letzte Inspektion Salmonellen dort bekundet.
 Aber der Dünnpfiff ist des Genusses Preis,
 Wie ein jeder Hedonist sehr wohl weiß.

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 Helden des Alltags
 Wenn die Flammen aus dem Herde schlagen,
 Dann wird sich Küchenhilfe Lise Müller fragen:
 “Rett ich den Rettich oder die Radieschen?”
 Welch pflichtgetreues, fleißiges Lieschen!

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 Ikarus
 So eine Fliege wirkt recht abgehoben,
 Kommt sie durch die Lüfte angeflogen.
 Doch trifft sie auf die Windschutzscheibe,
 So tut sie einem doch auch leide.

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 Dreigroschenjungs
 Es sprach zu Brecht der müde Kurt Weill:
 “Gut Ding, das braucht halt gut Weil.”
 “Du weißt doch, mir machts keiner Recht.
 Schließlich bin ich der Bert Brecht!
 Damit man mich sehe im Lichte,
 Wofür einzig ich doch dichte,
 Mußt Du deine Töne zügig setzen,
 Weil die Leute Musik nun mal schätzen.
 Dafür darfst dich mit einem Viertel der Tantiemen begnügen.
 Drum: bei der Arbeit weiterhin noch viel Vergnügen!”

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 Lebensabschnittspartner
 Es scheiden sich die Geister,
 Und so auch Herr und Frau Meister.
 Ihre Ehe, die hielt recht lange
 Und sie beide einander die Stange.
 Doch zum beiderseitigen Erschrecken
 Mußten sie eines Tages entdecken,
 Dass sie unterschiedliche Interessen hegen:
 Er für die Sabine, sie für den Hagen.

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 Ontologie
 Der Punkt ist
 Ich aber bin
 Das wird es sein
 Sokrates war sterblich

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 Wie es ist
 Auf die alten Narren folgen die jungen.
 Das hat das Leben sich so ausbedungen.
 So gibt es stets etwas zu lachen,
 Zwischen all den toternsten Sachen.

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 Idylle II
 Einst diente die alte Linde des Winters als Krähenbaum.
 Vor lauter Krähen, da sah man sie kaum.
 Doch wurde vom Bauern Gift ausgestreuet
 Und so die Linde von Krähen befreiet.
 Jetzt blüht die Linde sommers überm Krähengrab
 Und dient so dem Wandersmann als Seelenlab.

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 Arglosigkeit
 Jan-Torben war voller moralischer Entrüstung,
 Als man ihn warf über die Balkonbrüstung.
 Dabei hatte er nur nach der Herrentoilette gefragt,
 Auf dem Genderisten-Jahreskongress ganz unverzagt.

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 Klageruf des alten Libertin
 Wohin nur ist entfleucht meine Jugend?
 Sie ging wohl flöten mit meiner Tugend.
 Jetzt spielt die Lust die erste Geige,
 Bis zur allerletzten bitteren Neige.

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 Präferenzen
 In Schnackenwerth, in Schnackenwerth,
 Da haben die Fliegen keinen Wert.
 Dort schätzt man nur die Schnake.
 Das ist doch keine Frage!

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 Bamberger Grabinschrift
 Die Barbara hier, die war ein böses Mädl,
 Drum wurd gespalten ihr der Schädel.
 Drauf ward sie schleunigst tief vergraben
 Und dann versoffen ihr Bankguthaben.
 
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 Tragik der Mechanik
 Der Schröder wollt seinen Chef frühmorgens erschiesen,
 Um ihm den Rest des Tages gehörig zu vermiesen.
 Doch versagte leider die Patrone.
 Der Chef lebt weiter - wie zum Hohne.

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 Frauensache
 Grad eben noch das Leben genossen
 Und nun von Grund auf tief verdrossen.
 Wankelmütig sind der Frauen Launen,
 So hört man manchen Ehegatten raunen.
 Drum: streng prüfe die Haushaltslage wer sich ewig binde,
 Bevor er sich mit dem Hormonhaushalt der Gattin ewig schinde.

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 Bürgerliches Heldenleben
 Manchmal fangen sie an zu riechen,
 Die, die in unseren Kellern liegen,
 Die Leichen, die wir dort vergraben
 Und denen wir es nie vergaben,
 Dass sie uns einst im Wege standen,
 Weshalb wir sie als hinderlich befanden.
 Um nun deren infamen Geruch zu übertünchen,
 Können wir uns nur sehnlich wünschen,
 Dass jemand neues stört unsre weltlichen Kreise,
 Um dann zu verschwinden auf die nämliche Weise.

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 Rumpelstilzchen
 Es war einst ein kleiner Giftzwerg
 Der verrichtete wacker sein Tagwerk.
 Er speite Gift und Galle
 Im feurig-bitteren Schwalle.
 Er verteilte auch Nadelstiche,
 Falls einer nicht zügig zurück wiche.
 Doch trafen Galle und Stiche höchstens das Knie,
 Größere Höhen erreichte der Zwerg nie.

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 Bamberger Grabinschrift II
 Der Karl hier war ein schmutzger Bube,
 Nun liegt er sauber in der Grube.
 Es schweigt sein hämisch-böses Lachen
 Beredt jetzt unter dem Boden der Tatsachen.

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 Sklavenaufstand
 Volker hört die Signale:
 Die Frau ist aus auf Randale.
 Doch er duldet die Schmach nun länger nicht,
 Macht statt dessen ein trotziges Gesicht
 Während er sich abmüht am Küchenherde -
 Er, der Verdammte dieser Erde.
 Reinen Tisch nun macht der Bedrängte,
 Der zuvor sein Haupt stets demütig senkte.
 Er ists, der die Frau zum Hungern zwingt.
 Seine Macht nun zum Durchbrucht dringt:
 Alle Töpfe, alle Pfannen stehen still,
 Wenn sein schmächtger Arm es will!
 Der Gattin bleibt nur der selbstgekochte Geierfraß
 Und der Volker triumphiert ohne Unterlass.

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 Stilvoll
 Den Schultze hängten sie in aller Frühe.
 Hinterher gabs heiße Brühe.
 So ward der Festakt trefflich abgerundet,
 Mit Suppe, die recht gut gemundet.
 
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 In der Fußgängerzone
 Einst sammelte ich edle Uhren
 Und liebte teure Edelhuren.
 Jetzt bin ich finanziell am Ende
 Und bitte nun um eine kleine Spende.

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 Dunkle Gefilde
 Suchst Du im Dunkeln nach den Klöten,
 So ist hierzu kein Licht von Nöten.
 Doch tastest Du im Dunkeln nach des Weibes Brüsten,
 So erntest Du mitunter Entrüsten.
 
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 Farbspiel
 Die grünen unter den Tomaten,
 Die galten einst als Renegaten.
 Doch längst haben sie den Laden aufgemischt.
 Die roten werden kaum noch aufgetischt.
 
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 Mischkalkulation
 Das Böse unter der Sonne,
 Das ist verknüpft mit mancher Wonne.
 Doch begehst Du auch mal gute Taten,
 So wirst Du kürzer im Fegefeuer braten.
 
 ----

 Standesvertretung
 Plünderer, die werden meist erschossen.
 Das hat diese Herren sehr verdrossen.
 Drum gründete man eine Partei zur Vertretung der Interessen.
 Nun wird den Plünderern Steuergeld reichlich zugemessen.

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 Diskriminierung
 Es heißt das hungrige Raben
 Verschmähen auch keinen toten Schwaben.
 Wie anders wir Menschen uns da betragen,
 Die auch keinen lebenden ertragen.

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 Scheidung auf österreichisch
 Strychnin, Strychnin,
 Das kauft man günstig in Wien.
 Dazu ein paar Gramm Cadmium:
 Schon fällt der lästge Gatte um.

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 Feinarbeit
 Dichter feilen an den Worten,
 Oft an stillen, heimlichen Orten.
 Andre feilen nur ihre Nägel -
 Sind wohl bloß blasierte Flegel.

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 Nichtigkeiten
 Urplötzlich trat das NICHTS an mich heran.
 Ich fragte nur: "Was steht an?"
 "Nichts weiter", lautete die Antwort lapidar.
 "Nun denn, wenns weiter nichts war."

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 Geistesleben
 Es sprühen geistreich die Funken
 Mitunter auch in finsteren Spelunken.
 Dagegen herrscht oft lichte geistge Leere
 In der professoralen Universitätslehre.
 
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 Herbstliches Resümee
 Die Farben, die sind fahl,
 Das Leben - so banal.
 Dies Jahr, das kann man vergessen,
 Inner- und außerhalb von Hessen.
 
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 Henkersweisheit
 Rollt dein Kopf schon früh am Morgen,
 Musst fürs Abendbrot nicht sorgen.
 Baumelst Du dagegen erst am Abend,
 So wirkt der Haferbrei kaum labend.

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  Stratifikation
  Der Abschaum, der schwimmt stets oben,
  Dafür ist die Natur sehr zu loben.
  So kann man ihn denn gleich erkennen,
  Östlich und Westlich der Ardennen.
  
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 Heiligenlegende
 "Was ich gar nicht akzeptiere,"
 So sprach der Hl. Franziskus zum Hühnertiere,
 "Das sind Hühnerfedern in meinem Haferbreie
 Oder gar Vogelkot in meiner Weizenkleie."
 Drum endete das Huhn als Sonntagsbraten.
 Das sind wahrhaft heilige Taten.
 
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  Dorfgeschichten
  Es war die Gans und nicht die Ente,
  Die fand vor dem Hoftor ihr Ende.
  Bauer Haberstroh überfuhr sie mit dem alten Traktor.
  Die defekten Bremsen waren der entscheidende Faktor.
    
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  Das Prinzip Hoffnung
  Es stehen die Marxisten
  Herum auf grünen Skipisten.
  Auf Schnee und Sozialismus warten sie vergeblich.
  Nächstes Jahr kommt beides angeblich.
  
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  Seinswürdigkeiten
  Urplötzlich stolperte ich über das SEIN.
  Es hatte mir gestellt ein Bein.
  Ich habe so meine Eindrücke:
  Das Dasein ist voller Heimtücke.
 
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 Ostpreußisches Symposion
 Es kommen Kant und Klopse aus Königsberg -
 Ein geistiger Riese und ein kulinarischer Zwerg.
 Der Riese sucht die Grenzen der Vernunft zu erhellen,
 Der Zwerg hingegen zu vereinen Kapern und Sardellen.
 Wir wünschen beiden viel Glück bei ihrem Bemühen,
 Während wir uns den nötigen Verdauungstee aufbrühen.

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 Anatomie und Akkustik
 Die Strecke zwischen Mund und Hirn
 Die ist bei mancher munteren Dirn
 Leider Gottes viel zu kurz geraten,
 Weshalb die Wörter ungebremst ins Lichte traten,
 Wonach sie auf des Gatten Trommelfell trafen
 Um diesen lebenslang für alle ehelichen Freuden zu strafen.
 
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 stadtverderben
 Am Rhein im schönen Städtchen Bingen,
 Da erfreuten sich die Bürger gern beim Singen.
 Dies ward vom Stadtherrn als unangenehm empfunden,
 Wie mittelalterliche Akten es bekunden.
 Drum hat der Herr seine Stadt niedergebrannt
 Und wurd so als erster Musikkritiker bekannt.

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 idylle iii
 es standen die tannen schweigend im regen
 an den mitunter vielbegangenen wegen.
 doch heimlich verhöhnten sie feixend die passanten,
 die bei diesem wetter durch die gegend rannten.
 
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  ausdauernd
  weit draußen auf den lofoten,
  da sitzen die letzten westgoten.
  in der völkerwanderung verschlug es sie hierher.
  dank hoher lebenserwartung gingen sie nimmermehr.
 
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 bairische landküche
 in dingolfing, in dingolfing,
 wo ich mir einen dackel fing.
 der ruht jetzt schon in meinem bräter.
 verzehren werde ich ihn wohl später.
 
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   historische gerechtigkeit
   es leben noch einige kelten
   in provisorisch errichteten zelten.
   sie fordern die restitution ihres einstigen besitzes,
   als ausdruck minderschweren juristischen wahnwitzes.
  
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 erzählung vom pferd
 so finster die stunde,
 so bitter die kunde:
 verdüstert ist das gemüt,
 kommt der pferdemetzger ins gestüt.
 doch gleitet auf dem pferdeapfel aus der blutge henker,
 dankt es die wiehernde pferdeschar dem weltenlenker.
 
 ----

 verfall
 mein haar wird immer dünner,
 mein hirn dagegen immer dümmer.
 es wär auch umgekehrt nicht gut.
 was bleibt, ist stille lebenswut.
 
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 bamberger grabinschrift iii
 sie hängten hannes schon in jungen jahren.
 so konnt er sich so manche ausgabe sparen.
 schuldig, aber schuldenfrei wurd er ins grab gelegt,
 von seinen reichen erben, welche tief bewegt.
 
 ----

 hintz und kuntz
 sie hängten hintz schon im morgengrauen.
 es kamen aber nur wenige, um zuzuschauen.
 so früh wollt keiner aufstehen,
 nur um hintz baumeln zu sehen.
 für kuntz, da wären sie wohl gekommen,
 doch der war seinen häschern glücklich entkommen.
 
 ----

 bamberger grabinschrift iv
 der hans hier wollt werden drachentöter.
 gereicht hats nur zum schwerenöter.
 so mancher frau hat er ruchlos das herz gebrochen.
 die letzte hat ihm das seine mit nem dolch durchstochen.
 
 ----

 der ewige debitor
 die größten unter all den toren
 sind meine werten herren kreditoren.
 wer sein geld an mich verleiht,
 der ist dem bankrott geweiht.
 werden ihre wechsel mir präsentiert,
 so wird alle schuld dementiert.
 es zahlt der arme indossant
 und dessen pleite folgt frappant.
 denn niemals bin ich selber der trassant.
 solawechsel, die meide ich elegant.
 
 ----

 sinnfreies iii
 "morgen in der früh werd ich sie erschießen.
  ich hoff, das wird ihnen die stimmung nicht vermiesen."
 "aber nein - in keinster weise,
  da ich noch heute abend verreise."
 
 ----

 herpetologisches
 unter den lurchen gilt der axolotl
 gemeinhin als der größte trottel.
 doch kommt der grottenolm ihm gleich,
 wenn er dumpf sinniert in seinem höhlenreich.
 
 ----

 des angestellten abendlied
 abendrot, abendrot
 leuchtest mir zu trocken brot.
 ach, was gäb ich für nen schweinebraten,
 vielleicht mit ausgesuchten salaten.
 doch statt dessen muss ich hungers sterben,
 weil ich vergaß neue vorräte zu erwerben.
 oh, wie ich auf das ladenschlussgesetz fluch,
 wenn ich nach den letzten krümeln such.
 
 ----

 bamberger grabinschrift v
 der jochen hier, der war ein protestant.
 geendet aber ist er als arrestant.
 es zählte für ihn allein und einzig der glaube.
 drum seht hinweg über seine morde und den bankraube.
 
 ----

 balkonszene
 ich würd ja von der brüstung springen,
 tät mein liebster nicht so in mich dringen.
 denn schon kann ich die lerche trappsen hören.
 die wird wohl unser techtelmechtel stören.
 
 ----

 aromatisch im abgang
 als sie otto morgens hängten
 und die leut sich um den galgen drängten,
 lies der otto noch einen fahren,
 um einen bleibenden eindruck zu bewahren.
 
 ----

 Herbstlich
 die sonne sitzt auf einer nebelbank.
 sie erzählt den winden entspannt einen schwank.
 die winde, die können sich nicht halten vor lachen:
 so also kann man herbststürme entfachen.
 
 ----

 eine geburtstagskarte
 die letzten fünfzig jahre waren scheiße.
 drum: weiterhin viel spaß auf der reise.
 sei heiter nun und unverzagt.
 bald schon wirst du eingesargt.

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