Willkommen

Herzlich willkommen im Eingangsbereich des
 Ferdinand Friedlos-Archivs.

     “Hieraus können wir sehen, sagte er, wie die Welt lauft; es ist erst eine Stunde
        seit dem es Neune war, und in einer Stunde mehr wird es Eilfe seyn; und so
        reiffen und reiffen wir von Stunde zu Stunde, und dann werden wir von Stunde
        zu Stunde faulen und faulen, und da ist das Mährchen alle.”

   
William Shakespeare, >Wie es euch gefällt< (Wielandsche Übersetzung)
 

“Ferdinand Friedlos” ist das dichterische Pseudonym des Büroangestellten Ernst Teslebens, der - zuständig für die Kundendatei vom Buchstaben ‘K’ bis ‘M’ und mit dem Ausblick, demnächst auch den Buchstaben ‘N’ übernehmen zu dürfen - vor einigen Jahren an seinem Arbeitsplatz in der Halsap & Schneider AG (dem Weltmarktführer im Vertrieb von Schmonzes und Tinnef aller nur erdenklichen Art) im mumifizierten Zustand von seinen erschrockenen Arbeitskollegen aufgefunden wurde. Es stellte sich heraus, dass der Hausmeister vergessen hatte, am Montagmorgen den Raumbefeuchter wieder einzuschalten, woraufhin Teslebens sich binnen weniger Stunden in ein vertrocknetes Blatt verwandelte. Jegliche Wiederbefeuchtungsversuche durch die Kollegen, dem herbeigeeilten Notarzt und einem zufällig anwesenden Zimmerpflanzengärtner blieben ohne Erfolg, so dass an jenem tragischen Montag ein bis dato unbekanntes Dichtergenie vom Formate Kafkas auf das Format eines nur noch raschelnden und rasch zerfallenden Blattes reduziert wurde. Bei aller Tragik ist das Ende Teslebens - typisch für diesen von skurrilen Unglücken verfolgten, still leidenden Menschen - nicht ohne doppeltes ironisches Moment, hatte Teslebens zum einen sich und die moderne Menschheit - wie viele Dichter neigte er dazu, beides gleich zu setzen - doch stets als Opfer der in seinen Augen übermächtig gewordenen Technik betrachtet und war Teslebens doch zum anderen von abgrundtiefem Misstrauen gegen die Berufsgruppe der Hausmeister durchdrungen - in seinen Augen nur emsig-bösartige und besenbewehrte, stets rücksichtslos das dürre Laub wegfegende, subordinierte Handlanger der  teuflischen Technik. Nun wirkten also beide, die Technik und ihr alltägliches menschliches Werkzeug, der Hausmeister, zusammen, um Teslebens, den fast schon nervigen Mahner gegen beide Übel, den Garaus zu machen.

 Nachdem man den welk raschelnden Teslebens im Beisein des beängstigend engen Familienkreises auf den herbstlichen Friedhof abgesetzt hatte, wo er unter all den welken, windverwehten Blättern nicht weiter auffiel (“Vom Leben vergessen zu werden ist eine Gnade,” soll Teslebens immer gesagt haben), entdeckte der eingesetzte Nachlassverwalter in der nun verwaisten, in der Hans-Dampf-Gasse des idyllischen fränkischen Städtchens Zotenburg gelegenen 2,5-Zimmerwohnung umfangreiche Manuskripte, die Teslebens unter dem Pseudonym “Ferdinand Friedlos” verfasst hatte. Wie sich später herausstellte, wählte Teslebens dieses anonyme Schriftstellerdasein, um seine autoritäre Erbtante Gisela Teslebens nicht zu verärgern, die in jungen Jahren von dem bekannten Dichterfürsten Reiner Maria Blanckhohn durch dessen zarte Verse verführt und anschließend sitzengelassen wurde und die seither einen geradezu fanatischen Hass auf alle Dichtkunst hegte. Das einzige Buch in ihrem Haushalt soll das Telefonbuch gewesen sein und selbst dieses benutzte sie nur mit größtem Widerwillen, was sich fatal auswirken sollte, als eines Nachts ein Raubmörder in ihre Wohnung eindrang und sie sich nicht entschließen konnte, die Notrufnummer der örtlichen Polizei nachzuschlagen.  Teslebens, der wegen einer Lücke in seinem Rentenplan auf das freilich kleine Erbe seiner Tante angewiesen war, sah sich daher gezwungen, mit der Veröffentlichung seiner Werke bis nach deren Ableben zu warten, konnte diesen Plan aber wegen des oben geschilderten tragischen technischen Fehlers nicht mehr ausführen - die Pläne Teslebens wurden im Übrigen nur in den seltensten Fällen ausgeführt und wenn, dann nur zum Schaden ihres Urhebers, auf welchen sie dann laut krachend zurückzufallen pflegten. Der Nachlassverwalter - ein abgebrochener Germanistikstudent - erkannte jedoch schon beim ersten Durchblättern der Teslebenschen Manuskripte deren überwältigenden literarischen Rang und übergab diese der begeisterten geisteswissenschaftlichen Fakultät (“Daher also der Name!” hätte Teslebens / Friedlos freudig-erstaunt ausgerufen) der Universität Zotenburg, an der auch Teslebens selber bei dem bedeutenden Philosophen Leo Flappsiger seine Studien absolviert hatte. Beauftragt mit dem Redigieren und Publizieren des Fundes, der neben Gedichten und Aphorismen sowie einem unter den Pseudonym “Agnesia Achwemir” verfassten Frauenroman (“Seerosen haben keine Dornen”) auch ein alternatives Libretto zu Alwin Schmockbergs bekannter Skandaloper “Der Zahnstocher” (geschrieben für die Treppe hinunterfallendes Orchester), einen Rußland-Krimi (“Schoss Takowitsch?”), ja sogar eine fränkische Bühnenfassung von Hemingways “Der alte Mann und das Meer” (Titel des Stücks: “Der alte Mo und der Mee”) umfasst, wurde der ewige Privatdozent Matthaeus Artolaganus, der bisher weniger durch wissenschaftliche Leistung geglänzt hatte, sondern den Germanistenkollegen eher durch das ständige Reden über die Fortschritte an seiner Richard Wagner-Novelle (Arbeitstitel: “Die Bayreuther Schickse”), an der er seit über zwölf Jahren schrieb, auf die Nerven ging. Gezwungenermaßen wählte der wenig zahlenaffine Artolaganus, der sich in der Höhe des ihm zugeteilten Forschungsbudgets verlesen hatte und der deshalb in der ersten, euphorischen Freude über diese neue akademische Chance bereits einen Großteil eben dieses Budgets versoffen hatte, das Internet als kostengünstige Publikationsform für das Friedlossche Oeuvre.

Im Folgenden sind nun die bisher bearbeiteten Funde aus dem Friedlos-Archiv der Öffentlichkeit preisgegeben, jener Öffentlichkeit, die Teslebens / Friedlos stets zu meiden suchte, die aber bekanntlich noch jeden eingeholt hat.
Das Archiv wird in unregelmäßigen Abständen erweitert und überarbeitet werden.

 

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